Zimmerreisen – Das Andenken

Ich habe mich von www.puzzleblume.wordpress.com einladen lassen bei der Zimmerreise 01/2021 mitzumachen. Die Idee der Zimmerreisen finde ich wunderbar. In der jetzigen Zeit des Lockdowns sind wir alle vermutlich wenig unterwegs. Dennoch können wir reisen. Wir können eine Reise machen zu dem, was uns umgibt. Wir können unser Zimmer, unsere Wohnung, unser Haus, unseren Garten, unsere nahe Umgebung bereisen, dies alles mit wachen Augen betrachten und uns anregen lassen, zu hören, was die dortigen Gegenstände uns für Geschichten erzählen. Ich bin mir sicher, sie haben viel zu erzählen.

Ein gutes Interview mit dem Literaturwissenschaftler Bernd Stieger zu den Zimmerreisen könnt ihr hier hören:
Zimmerreisen: Warum wir für Reisen nicht zwingend unterwegs sein müssen (rnd.de)

Die erste Zimmerreise soll zu den Buchstaben A, B oder C sein.
Ich habe das A gewählt.

Und hier kommt meine Zimmerreise, mit dem Titel:

Das Andenken

Hallo, ich möchte mich gerne vorstellen.
Ich bin das Andenken. So heiße ich. Ich weiß, viele tragen meine Namen, doch das macht nichts. Wir sind dennoch alle einzigartig.
Schön, dass du mir zuhörst. Ich möchte dir ein wenig von mir erzählen.
Ich hänge an einer weißen Wand in einem Flur, in dem oft die Sonne hereinscheint. Fenster von oben und von der Seite lassen wärmendes Licht herein. Hier hänge ich gerne und zeige mich. Das ist eine schöne Mischung, abhängen, beobachten, sich präsentieren und Freude verschenken. So mag ich mein Leben. Ich sehe die Menschen, die hier wohnen, täglich gehen sie ein und aus. Ich sehe außerdem eine Katze, die hier lebt und dann sehe ich noch andere Menschen, die hier zu Besuch kommen. Ich glaube, es sind Freunde derer, die hier leben. In letzter Zeit sah ich sie weniger, doch sie werden eines Tages wieder häufiger kommen, da bin ich mir sicher.
Ich hing nicht immer hier. Mein erster Wohnort trägt den Namen Veli Losinj, das ist ein bunter Ort auf einer kleinen kroatischen Insel. Dort lebte ich in einem wunderschönen Atelier, das lichtdurchflutet und in seiner Einfachheit bezaubernd war. Eine Frau namens Nena hat mich erschaffen. Sie ist eine Künstlerin. Sie war es auch, die mir meine Farben schenkte. Du musst wissen, ich bin entstanden aus Treibgut. Einst war ich Holz, das im Meer umhertrieb. Die Wellen kamen und gingen und eines Tages trieben sie mich an Land. An einem milden Frühsommertag kam diese Frau den Strand entlang, sie sammelte Sachen, aus denen ich bestehe. Sie hob mich auf, betrachtete mich und legte mich in einen mitgebrachten Korb. So lernte ich ihr Atelier kennen. Viele schöne bunte Gegenstände hingen an ihren Wänden. Erst lag ich auf einer ausgebreiteten Decke auf dem Innenhof und die Maisonne trocknete mich. Als ich trocken war, kitzelte Nena mich mit ihrem Pinsel. Sie malte mich an. Blau und Gelb stehen mir, wie ich finde. Später setzte Nena mich zusammen und dann durfte ich dort hängen, wo die anderen Kunstwerke hingen. Denn das war ich nun, ein kleines Kunstwerk. So nannte Nena mich und die bewundernden Blicke der Besucherinnen und Besucher schienen dem Recht zu geben. Es war eine schöne Zeit. Ich hörte Stimmen in vielen Sprachen. Kinderaugen bestaunten mich und die Augen der Erwachsenen wurden weicher, wenn sie mich ansahen. Nena pflegte uns gut.
Eines Tages kam die Frau, in deren Haus ich nun lebe, in das Atelier. Sie kam mit ihrer Familie und auch sie gingen umher und betrachteten uns. Sie kamen mit Nena ins Gespräch und Nena erzählte von ihren Spaziergängen am Meer, bei denen sie das Treibgut sammelt. Bei mir blieben sie besonders lange stehen. Sie lächelten, als sie mich sahen. Sie wollten mir ein neues Zuhause schenken. So landete ich, in weiches Papier gehüllt, in dem Rucksack der Frau. Drei Wochen lag ich einpackt in einem Fach in einem rollenden Haus. Es war zwar ein wenig dunkel, doch gemütlich. Ich konnte die neuen Menschen mehr und mehr kennen lernen, indem ich sie zwar nicht sehen konnte, doch ich hörte sie durch den Schrank hindurch.
Irgendwann nach vielem Geschaukel, das mich ein wenig an meine Zeit im Meer denken ließ, kamen wir in dem Ort an, an dem ich nun lebe. Ich wurde in das Haus getragen, das nun mein Zuhause ist. „Unser Andenken“, sagte die Frau, als sie mich auspackte. Da wusste ich, dass ich ein richtiges Andenken bin. Das Wort mag ich, es trägt schöne Erinnerungen und einen Hauch Achtsamkeit. Andenken bin ich gerne. Bedeutet es doch, dass in mir Geschichten wohnen und ich wortlos an Erlebnisse erinnern kann. Das ist mein Zauber.
Nachdem ich an diese weiße Wand befestigt wurde, nahm die Frau den kleinen Stein und setzte ihn zu mir. Da fühlte ich mich so richtig vollkommen. Nachts, als die Familie schlief, fragte ich den kleinen Stein, wo er herkomme. Stell dir vor, auch er kam auch von dieser kleinen kroatischen Insel. Die Frau hatte ihn beim Spazieren am Strand entdeckt, dabei ist er so klein, dass er schon befürchtet hatte, er werde übersehen. Nun ist er immer bei mir und ich finde, wir passen wunderbar zusammen. Der Stein erinnert die Menschen an die Sonne, an das blaue Meer, an die Schönheit und Leichtigkeit der Insel, an Tage im Freien, an Luft, die in den Himmel malt.
Ich bin gerne ein Andenken. Ich glaube, die Menschen mögen mich, da ich sie daran erinnere, dass aus dem Wenigen etwas entstehen kann, dass ein Hinsehen lohnt und dass ein Hauch der Insel mitgetragen werden kann an jeden Ort der Welt. Wenn sie mich betrachten sind sie manchmal für einen Moment still. Dann ist mir, als hören wir den Klang der Wellen, die sagen, alles kommt, alles geht, alles kommt. Das sagen sie mit einer solchen Zuversicht, dass ich mein Gelb und Blau lächeln lasse.

ABC-Etüde

Christiane hat zu den abc.etüden eingeladen, bei denen es gilt, 3 Begriffe in einen Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die Worte stammen diesmal von Ludwig Zeidler und lauten:

Zedermordio / weichmütig / backen

Und hier kommt meine Etüde:

Kaffeeduft strömt in ihre Nase. Mit der Tasse in der Hand geht sie auf die Terrasse. Sie mag es, am winterlichen Morgen warm eingepackt hier draußen zu sitzen, den Nebel im Garten aufsteigen zu sehen und den Tag so zu beginnen. Auch im Winter singen die Vögel, es ist ein sanftes Lied.
Sie schmiedet Pläne für das Heute. Sie werden frühstücken, später wird sie spazieren gehen, ihre Mutter anrufen und aus den Äpfeln, die in der Kiste im Keller liegen, wird sie einen Kuchen backen, sie werden den Kuchen essen und er wird sicherlich malen, während sie Sudokos löst und den weiteren Tag verstreichen lässt. Mehr nicht, das reicht für einen Samstag im Januar. Sie empfindet die Januartage als weichmütig. Ja, denkt sie, dieses Wort beschreibt es gut. Er ist sanft, weich, kommt leise daher und gleichzeitig ist er mutig, steht für all das Neue und das Kommende. Vielleicht mag sie deshalb diesen Monat so. Die Kaffeetasse wärmt ihre Hände. Sie entdeckt ein Rotkehlchen. Etwas ist an diesem Vogel, das sie froh macht und sie vermutet, es geht vielen Menschen so.
Während sie das Rotkehlchen beobachtet und die Ruhe genießt, tönt aus dem Haus ein Poltern. Kurz drauf hört sie sein Rufen: „Zedermordio!“ Sie kennt niemanden außer ihm, der dieses Wort benutzt. Auch das ist ein Grund, ihn zu lieben. Sie geht rein, um nachzusehen, was passiert ist. Er sitzt auf der unteren Treppenstufe und reibt sich sein Bein. „Ausgerutscht“, sagt er, doch sein schiefes Lächeln zeigt, dass es nicht so schlimm ist.
Viel später am Tag strömt der Geruch von Apfelkuchen durch das Haus, die Kaffeetasse mit einem kleinen Rest ist draußen vergessen worden und das Rotkehlchen sitzt in einem anderen Garten. Vielleicht ist es genau dazu da, um überall seine Freude zu verschenken.

Findesatz-Gedicht 1

 

 

Heute ein Gedicht, in dem ich den gestrigen Findesatz „Draußen ist noch da“ eingebaut habe.

Draußen ist noch da
sagtest du am Morgen, als du das Fenster öffnetest
Deine Worte nahm ich mit in den Tag
Ich stand mitten im Draußen
Es umfing meine Sinne
Mein Atmen schenkte Wölkchen
Ich legte Spuren in den Waldboden
Der See spiegelte das Sein
Dann in der Nacht
eine der Rauhnächte
die ihre Schönheit schenken
sah ich das Draußen kaum
Es umhüllt mich sanft
wie eine Decke
In den dunklen Nachthimmel
warf ich meinen Dank
und schwieg in das Draußen hinein

ABC-Etüde

Christiane hat zu den abc-Etüden eingeladen, wie immer gilt es 3 Begriffe in einen Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die Worte stammen diesmal von Uli mit ihrem Blog Café Weltenall und lauten:

Quelle / griesgrämig / stöbern.

Hier kommt meine Etüde:

Sie geht dem Dezember entgegen. Sie möchte ihren Schritten nicht voraus sein, noch ist November und doch liegen ihre Gedanken schon im nächsten Monat. Vielleicht liegt es daran, dass der Adventsmonat wartet. Der Blick in die Fenster der Straßen sprechen bereits davon. Die Botschaften, die wortlos aus den Fenstern klingen, sind wie eine Zusage, dass dieser Monat Wohliges schenken wird. Ein Monat, der selbst die griesgrämigen Menschen erweichen wird.

Als sie Zuhause ist holt die die Weihnachtskiste von dem Dachboden. Sie trägt sie runter, stellt sie auf dem Holzboden des Wohnzimmers und setzt sich mit ihrem Sessel daneben. Weihnachtskisten laden zum Stöbern ein, nicht nur zum Dekorieren. Sie sind immer wie ein Eintreten in die eigene Vergangenheit. Sie packt jedes in Seidenpapier gewickelte Teil aus, hält es in den Händen und betrachtet es eine Weile. Mal ist es ein gebastelter Stern ihres Sohnes, dann ein gefilzter Engel ihrer Tochter, eine kleine Hirtenfigur, die ihr Mann einst schnitzte und die erste gemalte Weihnachtspostkarte ihrer Enkelin. Ein aus Pappmache hergestellter Wichtel, kaum als solcher zu erkennen und ein Tannenbaum aus Glas, den sie in Costa Rica entdeckte. Jeder Gegenstand erzählt seine Geschichte, die sie längst kennt, doch jedes Jahr aufs Neue sprechen lässt. Ihre ganze Lebensgeschichte ließe sich mit dieser einen Kiste erzählen, denkt sie, während sie das nächste Teil auswickelt. Diese Kiste ist eine Quelle an äußeren und inneren Schätzen.

Würde jemand an ihrem Haus vorbeigehen und hineinschauen, er würde dort eine etwa 80-jährige Frau sitzen sehen, kleine Gegenstände um sich verteilt und ein Lächeln in ihrem Blick und auf ihren Lippen, es ist, als lächle sogar ihr krauses graues Haar. Würde jemand dort vorbeigehen, er würde erahnen, dass wir nicht nur in dem Moment leben, immer ist das Gestern dabei und der Morgen wartet wie ein sanftes Versprechen.

ABC-Etüde

Christiane hat wieder zu den ABC-Etüden eingeladen. Die Wortspende kommt diesmal von Kain Schreiber, der den Blog  Gedankenflut betreibt. Wie immer gilt es 3 Begriffe in einen Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die 3 Wörter lauten:

Nachtlicht – lieblich – teilen.

Und hier kommt meine Etüde:

Der November lädt dazu ein, die Straße im Dunkeln entlang zu gehen. Die Taschenlampe bleibt im Flur, denn das Nachtlicht der Straßenlaternen reicht. Es ist ein gelbliches Licht, der Mond schenkt seinen weißen Schein von oben dazu. Sanfter Abendwind lässt einzelne Blätter hochfliegen. Wenn sie ihre Hand ausstreckt, kann sie seine fühlen. Um Wärme zu teilen, reicht eine Hand. Manchmal reicht ein Blick, auch hinter den Masken, die wir nun tragen. Lass uns nicht aufhören an das Morgen zu glauben, sagt sie in die Dämmerung hinein. Eines Tages werden wir auf offener Straße Umarmungen lieben wie nie zuvor. Sie wird die ganze Welt gut finden, in dem Moment, wenn ihr Lieblingslied erklingen und sie mitten unter vielen Menschen die Arme heben wird und jede Pore in ihr diese Klänge fühlen wird. Eines Tages stehen wir nahe an Unbekannten und sprechen miteinander ohne zwei Schritte zurück zu gehen. Doch noch ist November. Kein Grund, den Kopf gesenkt zu halten, sagt sie. Sie weiß nicht, ob sie es zu ihm oder zu sich selbst sagt. Vielleicht sagt sie es all den Blättern, die dort liegen und die vom Gestern sprechen. Auch jetzt will das Leben geliebt werden. Wir können das Laub atmen, Maronen im Backofen rösten, neue Bücher lesen und wohlriechenden Tee aus Lieblingstassen trinken. Wir können das Licht dieses Monats sehen. Es ist nicht grau, es trägt rot, orange und rosa, sieh doch, sagt sie. Auch Augen können umarmen. Sie machen es sanfter und lieblicher als unsere Hände es können. Auch jetzt ist die Welt da. Die Erde ist noch immer rund. Auch jetzt will die Welt geliebt werden. Auch jetzt spricht die Natur in ihrer unübersetzbaren schönen Sprache zu uns. Lass uns hineinfühlen, was dieser Monat uns schenkt.

ABC-Etüde

Christiane hat wieder zu den abc.etüden eingeladen, wie immer gilt es 3 Begriffe in einen Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die Worte stammen diesmal von Judith mit ihrem Blog Mutiger leben und lauten: Schmutzfink, fabelhaft, mopsen.

Hier kommt meine Etüde:

Er schlendert den Weg entlang. Sein Mantel schenkt ihm Wärme und seine Hände fühlen die Frische des Draußen. Das Geräusch des raschelnden Laubs mag er, so dass er keinen Bogen um die vom Wind angehäuften Blätterhaufen wählt, sondern mitten hinein geht. Ein kleines fabelhaftes Herbstkonzert für seine Ohren. Im Inneren applaudiert er.

Er sucht nicht den asphaltieren Weg der Straße, vielmehr laden die Wege am Rand ihn ein. Taunasses Grün zeigen die Grasbüschel. Die Blätter angemalt mit all den bunten Farben dieser Jahreszeit. Seine Schuhe sind nass und dreckig. Das macht ihm nichts. Er denkt an seine Eltern, die ihn vor vielen Jahren, als seine Füße noch in kleinen Schuhen steckten, niemals mit: „Wie siehst du denn aus?“ erschrocken begrüßten. Nie nannten sie ihn ‘Schmutzfink‘, wenn er an solchen Tagen heimkam, die Schuhe meist lehmverschmiert. Dies sei ein gutes Zeichen, pflegte seine Mutter zu sagen und sein Vater wusch die Schuhe im Keller sauber, während er in der warmen Badewanne lag. Heute macht er selbst seine Schuhe sauber. Das Naturnahe ist ihm geblieben. Gedanklich schickt er seinen Eltern ein ‘Danke‘. Er wünscht, er hätte es ihnen häufiger gesagt. Heute nehmen die Wolken seinen Dank auf. Das macht ihn nicht traurig, er fühlt sich verbunden mit dem, was war. Vielleicht ist es der Herbst, der ihm diese Zufriedenheit schenkt. Diesen Schimmer am frühen Abend gibt es nur zu dieser Zeit.

Weit entfernt sieht er das warme Licht in den Häusern. Hinter all diesen Fenstern lebt so viel Leben. Es wird geredet, geschwiegen, getröstet, gelacht und geweint. Abendbrottische werden gedeckt. Da wird eine Schwester ihrem Bruder die roteste Tomate vom Teller mopsen, wie seine Schwester es einst mit ihm machte. Da wird gebetet, dort wird aneinander vorbeigelebt. Und irgendwo wird gehofft und eine Hand der anderen gereicht, mitten in diesen Herbstabend hinein.

ABC-Etüde

Ich habe mich gerne wieder von der Schreibaufgabe einladen lassen, die Christiane mit den abc.etüden gestellt hat. Drei Wörter, diesmal von einer Wortspende von Werner www.wkastens.wordpress.com, sollen in einen Text mit maximal 300 Wörtern eingebaut werden.

Die Wörter lauten: Landvermesser, undankbar, aussetzen

Und hier kommt meine Etüde:

Er geht die Felder entlang. Es ist mehr ein Schlendern als ein Gehen. Er mag die Langsamkeit. Ihm ist, als könne sein Inneres so all das aufnehmen, was ihn umgibt. Farben, Gerüche und Ausblicke. Weit entfernt sieht er zwei Kinder spielen, sie laufen einem Ball nach. Er hört ihre hellen Stimmen. Er wünschte, es wären mehr Kinder auf den Straßen. Mehr Menschen auf Bänken vor den Häusern. Mehr Leben im Draußen und nicht stilles Leben hinter heruntergezogenen Rollläden. Er überlegt, ob er undankbar ist, wenn er solche Gedanken hegt. Er lebt gerne in diesem Land und weiß um die Vorzüge. Er hat ein Bett, einen Tisch, einen Herd. Eine Heizung, ein volles Bücherregal und eine Krankenversicherungskarte. Doch er wünscht sich mehr lachende Gesichter an den Ampeln und mehr aufschauende Menschen. Er mag sein Land, das nicht seines ist, denn wie könnte es ihm gehören. Doch er lebt hier. Sein Ausweis sagt, er gehört hierhin. Was ein Leben in einem Land ausmacht, sind nicht die Worte im Pass, sinniert er. Es ist nicht die Postleitzahl, nicht die Fläche, nicht die Anzahl der Sonnen- oder Regentage. Es ist weitaus mehr, als jeder Landvermesser in seinen Papieren aufschreiben könnte.

Er hört Wildgänse und hebt seinen Blick. Manchmal träumt er davon, er könne mit den Zugvögeln davonfliegen. Nicht lange. Ein oder zwei Tage würden reichen. Den Alltag aussetzen. Zwei Tage mit ihnen in diesen Höhen sein. Die Menschen von oben betrachten, die Felder, die Straßen, die menschengemachte Grenzen, die ballspielenden Kinder und Männer wie ihn, die dort unten gehen. Sein Blick bleibt bei den Zugvögeln, bis sie nicht mehr zu sehen sind. Ihr Rufen ist noch ein paar Sekunden länger zu hören. Jeder Zugvogel ist für ihn wie ein Versprechen an die Zukunft. Sie glauben an das Übermorgen. Vielleicht mag er sie deshalb so.

ABC-Etüde

Christiane hat in ihrem Blog wieder eine Schreibaufgabe gestellt. Drei Wörter, diesmal von einer Wortspende von kommunikatz, sollen in einen Text mit maximal 300 Wörtern eingebaut werden.

Die Wörter lauten: Pilze, traurig, schlafen.

Und hier kommt meine Etüde:

Milde Oktobersonne wärmt seine Haut. Er fühlt sich wie die gerade begonnene Jahreszeit, nicht mehr frisch, doch noch immer die ureigensten Farben verstreuend. Er trägt seine Patina, sein Gesicht spricht davon und sein Inneres. Der wievielte Herbst ist es, den er bewusst erlebt? Als Kind waren ihm die Jahreszeiten egal, sie waren einfach da, ohne dass er sie als solche wahrnahm. Er hinterfragte sie nicht. Heute nimmt er dankend an, was sie schenken. Die Walnüsse, jedes Jahr aufs Neue. Die Pilze im Wald, die er sammelt, wie seine Tante es ihn lehrte. Das Geräusch des Laubs unter seinen Füßen. Geröstete Kastanien. Zeit, die Lieblingsmütze aus dem Schrank hervorzuholen. Es ist keine Jahreszeit, um traurig zu sein. Der Herbst tröstet in einer sanften Sprache. Er ist unaufgeregter als der Sommer. Doch er weist seine Schönheit und seinen Glanz auf, nicht grell, doch wärmend und vertraut.

Das Licht am Morgen lädt zum Hinsehen ein. Am offenen Fenster reckt er sich. Dann brüht er Kaffee auf und beginnt sein Tageswerk. Mittags entzündet er ein Feuer im Ofen. Er kocht sich eine Suppe. Am Nachmittag stimmt er seine Geige und spielt für sich und seine Katze. Manchmal holt er sein Rad aus dem Schuppen und fährt zu Freunden, sitzt auf deren Eckbänken in den Küchen oder im Windschatten auf einer Terrasse. Jeden Tag liest er in einem Buch. Die Lesezeichen verschwinden. Er hat aufgehört, nach ihnen zu suchen. Es finden sich Neue. Abends nimmt er den Füllhalter und schreibt, was der Tag ihm schenkte. Meist ist es mehr als er denken würde, wenn er es nicht aufschreiben würde. Wenn er sich dann schlafen legt, ist sein Kissen ruhig. Die Geräusche des Ortes verstummen. In seinen Träumen will er niemand anderes sein. Er möchte genau das sein, was er ist, ein Mann mitten im Herbst.

ABC- Etüde

Ich habe mich von den ABC-Etüden einladen lassen.

Christiane stellt in ihrem Blog Irgendwas ist immer alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe. So präsentiert sie eine Wortspende, bestehend aus drei Wörtern, die in einen Text mit maximal 300 Wörtern zu integrieren ist. Die Worte wurden diesmal von Ludwig Zeidler geschenkt und lauteten: Idee, engelhaft, vergraben.

Hier nun meine Etüde:

Die ersten Walnüsse liegen auf dem Gras. Ein Geschenk des nahenden Herbstes an den Sommer, der sich noch zeigt. Es ist Sonntag und sie hört die Ruhe. Auch Ruhe hat einen Ton. Es sind die Spätsommertage, die dazu einladen, Freude in den Tag zu legen. Auch wenn nicht alles gut ist. Wie könnte es. Das Leben malt die Welt in allen Farben an. Die Welt, die sich oft unbarmherzig zeigt. Unbarmherzig, ein Wort, das der Alltagssprache zu entschwinden scheint. Sie sucht gerne nach vergrabenen Wörtern. Bauchladen, glimmrig, Sachtmut. Bandsalat, fernmündlich, Lichtspielhaus. Ratzefummel, fläzen, Labsal. Das Leben entwächst den Wörtern. Sie möchte das Alte nicht zu schnell schließen. Es hat viel zu erzählen.
Doch auch sie geht gerne vorwärts und erfindet Neues. Auch das ist eine Leidenschaft von ihr, neue Wörter zu ersinnen. Ideen fliegen frei herum. Schlonksel, so müsste doch ein junger Mann heißen, der schlendernd geht. Lumara, das könnte der Moment sein, wenn wir die Augen schließen und dem Wind zuhören. Und könnte Halote nicht genau der Moment sein, indem wir vor einer großen Spinne davonlaufen. Sie spielt gerne mit den Worten und sagt sich, dazu sind sie da. Manchmal sind sie da, um sie in den Sand zu schreiben, damit andere sie lesen, bevor das Meer sie mitnimmt. Manchmal sind sie da, um sie in stillen Nächten in den Himmel zu werfen. Und manchmal wiegen sie uns in den Schlaf, engelhaft und sachte.
Sie hebt eine Walnuss auf. Die ersten im Jahr schmecken besonders gut. Da lohnt sich jedes Bücken. Noch brauchen die Füße im Garten keine Schuhe. Die Rosen und deren Weiß sind noch sichtbar. Auch die Hängematte zeigt noch ihren sichtbaren Platz. Nein, es ist nicht alles gut. Doch es gibt Momente, in denen wir fühlen, es könnte alles gut sein.

11. August

Anstelle einer Frage teile ich heute ein kleines Gedicht.

Kastanie

Es braucht nicht viel, um die kleinen Freuden zu erleben
Heute war es eine spontane Einladung des Kastanienbaums im Garten
und sein Schatten, den er schenkte
Ausgestreckt im Gras liegen
in die Krone des Baumes blicken
und sich ein wenig wie Pippi Langstrumpf fühlen
Dazu ein vorbeifliegender Zitronenfalter
Aus der Nachbarschaft leise Kinderstimmen und das Gackern von Hühnern
In den Zweigen schenkte eine Meise ihr Spiel
hüpfte von Ast zu Ast und wetzte ihren Schnabel
Ich sage euch, wir liegen viel zu wenig ausgestreckt im Gras
und schauen Bäumen zu selten von unten zu
Es braucht nicht viel, um die kleinen Freuden zu erleben