Wortgewebe – 24

Nefelibata

Nefelibata ist portugiesisch und meint jemand, der in den Wolken seiner eigenen Phantasie oder Träume lebt, ein „Wolkenwanderer“.

Einfach nur nach oben sehen. Der Himmel lädt ein. Ich erkenne viel. Nicht nur Schäfchen, da leben Trolle, Kobolde, Feen. Selbst die Zukunft tanzt darin. Und die Träume, meine ganzen Träume. Ich mag, dass die Phantasie frei ist. So frei, dass ich sie mit „Ph“ schreibe und nicht mit „F“ wie meine Lehrerin sagt, solle ich schreiben. Die Phantasie ist so frei, dass sie das wagt. Was ich gut finde.
„Lotte“, höre ich meine Mutter rufen. Sie will, dass ich wieder auf den Boden der Tatsachen komme. Doch der Boden ist hart, viel zu hart. Ich bin doch barfuß, warum versteht sie das nicht. Ich solle nicht so viel im Land meiner Träume sein, meint sie.
Will ich aber. Allen Lotte-Rufen zum Trotz. Da ist es gut und gerade weich genug. Ich weiß, was gut für mich ist. Das sagt etwas in mir, das drinnen wohnt. Dort, wo meine Mutter nicht hinkommen kann.
Träume sind viel echter, als sie denkt. Ich bleibe noch hier. Zumindest eine Weile. So lange wie eine Runde Gummitwist geht.
Ich war mal in Portugal. Da war es warm und schön. Ich pflückte Feigen von den Bäumen und stand auf Zehenspitzen, um viele zu erhaschen. Und Trauben und Orangen. Ich stelle mir vor, ich lebe da. In der Wolkenwelt geht das. Ich gehe am Strand entlang und hüpfe mit den Wellen. Meine Füße sind nass.
Meine Mutter denkt, das geht nicht, wenn ich hier im Trockenen stehe. Doch, es geht, ich fühle es genau. Nefelibata, ein schwieriges Wort. Doch ich habe es mir gemerkt. So nannten die Menschen es dort, wenn jemand in den Wolken seiner Träume lebt. Ich bin eine Wolkenwanderin. Ich wandere gerne hier.
Lass mich, lass mich noch eine Weile hier wandern. Das andere kommt früh genug, das sagt ihr Erwachsene doch immer.
Der Himmel hat nichts dagegen. Und der weiß viel, unendlich viel.

Wortgewebe – 22

Firgun

Firgun kommt aus dem Hebräischen und meint die aufrichtige, neidfreie Freude über den Erfolg oder das Glück anderer.

Sie hat es geschafft. Ich kenne sie seit Langem. Sie und ihren tiefen Wunsch. Über Teetassen hinweg erzählte sie mir mehrmals davon. Manchmal auch über Kaffeetassen oder Gläser, gefüllt mit Rhabarberschorlen, hinweg. Bier mag sie nicht. Ich schon. Baileys mögen wir beide. Doch ich schweife ab.
Manchmal wurden ihre Augen dabei feucht und ich spürte, wie sehr sie hofft. Es gibt Wünsche, die lassen sich nicht wegdrängen. Die überdauern. Manchmal jahrelang. Vermutlich kennen wir es alle. So war es bei ihr.
Nun traf ich sie und wir saßen uns erneut gegenüber. Erst erzählte ich. Sie hörte zu, fragte an genau den richtigen Stellen nach und schaffte es, mir keinen Rat zu geben. Dann fragte ich, was es bei ihr Neues gäbe. Neues, als müsse es immer etwas Neues geben. Das muss es nicht, natürlich nicht, dennoch fragte ich sie so.
Und dann erzählte sie. Es gab tatsächlich Neues. Sie erzählte mir, dass ihr Wunsch wahr würde. Dieser tiefe, langgehegte Wunsch. Sie sagte das in einem ruhigen Tonfall, dennoch lachte alles in ihr dabei.
Ist das wahr?, fragte ich sie. Und sie nickte und nickte erneut.
Ich freute mich mit. Aufrichtig, ganz ohne Neid. Ohne Vergleich, ohne Bilanz. Firgun, wie es im Hebräischen heißt. Dieses Wort fiel mir ein, da ich es innerlich aufgehoben habe.
Es gibt Worte, die tragen Flügel, die schwirren, die tanzen. Dann gibt es Worte, die drücken, beschweren, dämpfen. Firgun ist eines der tanzenden Worte.
Wir saßen noch eine Weile dort. Ich glaube, wir wirkten jünger und leichter, als wir waren.
Als ich später nach Hause ging, wir uns zuvor verabschiedet hatten und sie in die eine, ich in die andere Richtung ging, dachte ich an Wünsche. Ich dachte daran, dass es manchmal gut ist, Wünsche aufzugeben, sie loszulassen, zu verabschieden. Und manchmal ist es gut, genau das nicht zu machen, sondern dranzubleiben, nicht aufzugeben, Wünsche ernst zu nehmen. Mit all dem Ernst und all der Liebe, die sie benötigen. Ich glaube, ich ging eine Spur langsamer als sonst, gleichzeitig entschlossener und leichtfüßiger.

Findesatz und Wortspiel- 40

„Gewohnheit ist wie Pattex.“

Immerwährendes legt sich in den Tag
es wird nicht für immer währen
doch für so lange
dass sich das Wort immerwährend eingewebt hat
Tageszeiten strukturieren uns
Abläufe nisten sich ein
Nachts halten Kissen die Gedanken weich
Das Hinterfragen bleibt aus
Gewohnheit ist wie Pattex
Es klebt sich fest
Das Abstreifen schwierig
Doch der Wind zupft an den Rändern
Dünne Fäden ziehen ihre Spur
lang und zäh
Dann brechen sie
Wir sind freier als zuvor
Strecken unsere Augen in das Blau des Himmels
Dem Unmöglichen streifen wir das Un ab
Lachen mit der Freiheit
und dem Mut zum Glücklichsein

Findesatz und Wortspiel – 34

„Wenn du irgendwelche Wünsche hast, höre nicht weg.“

Wie willst du dein Leben leben?
Intensiv mit Haut und Haar
Mit dem Zugreifen
Dem Ja zum Jetzt
Dem nicht Weghören deiner Wünsche
die sich melden
wenn du für einen oder zwei Momente ruhig bist
Oder mit dem Morgen, morgen ist auch noch ein Tag
Und wenn nicht dann eben nicht
Es muss nicht alles in Erfüllung gehen
Es ist gut so wie es ist
Oder mit dem Dazwischen
Halbes reicht
Lauwarm ist warm genug
So kann ich mich nicht verbrennen
Wie sag wie
willst du dein Leben leben?