Wortgewebe – 8

Friluftsliv

Es ist ein norwegisches Wort und bedeutet wörtlich Freiluftleben. Friluftsliv beschreibt jedoch mehr als nur draußen sein, es ist eine skandinavische Lebensphilosophie, die beinhaltet, bewusst Zeit in der Natur zu verbringen und Verbundenheit mit der Umwelt zu spüren.

Die Türe lässt er hinter sich zufallen und atmet tief ein. Sobald er draußen ist, ist es, als weite sich sein Inneres. Er braucht keinen Anlauf, sofort ist dieses Gefühl da.
Vielleicht, weil er als Junge täglich stundenlang draußen unterwegs war. Mit seinen Freunden spielte er wieder und wieder im Wald. Sie bauten Hütten, liefen mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch Bäche und lagen auf Wiesen. Sie waren freie Kinder, die erst zum Abendessen heimkehrten. Die Hosen oft zerrissen und von den Eltern mit Flicken versehen.
Du trägst das Friluftsliv-Gen in dir, sagt seine Frau häufig zu ihm. Ja, er liebt es, in der Natur zu sein. Verbundenheit mit der Erde zu spüren. Sich als Teil der Natur zu fühlen.
Seine Gedanken fließen dahin, sanft wie seine Schritte. Dieses Gedankenfließenlassen kommt ihm vor, als würde er neu zusammengesetzt. Als setze sich alles in ihm genau dorthin, wo es Platz hat.
Das Wetter spielt keine Rolle, er geht zu jeder Jahreszeit hinaus. Nur Gewitter hält ihn ab. Heute ist das Wetter mild. Die Luft auf der Haut. Er geht hier draußen aufrechter als in Räumen. Das geschieht ganz von allein.
In wenigen Minuten ist er im Wald. Er geht abseits der geteerten Wege, mitten hinein. Überall lassen sich Pfade finden. Das Geräusch der knackenden Äste unter seinen Füßen mag er.
Später geht er über Felder, den Wald hinter sich lassend. Sein Blick wandert mehrmals nach oben in den Himmel. Er lässt seine Schultern kreisen und breitet die Hände aus. Wie die Flügel eines Vogels. Die Natur lässt ihn wieder der Junge sein, der mit ausgebreiteten Armen durch Wiesen lief.
Dieser Junge wohnt noch immer in ihm. All das, was war, lebt in seinen Poren: das Kind, der Jugendliche, der junge Mann, der älter werdende Mann. Er hat keine Angst vor Veränderungen. Wie könnte er? Die Natur zeigt es ihm immer wieder. Leben bedeutet Veränderung, vom ersten Schritt an. Es fügt sich ein, denkt er, und er ist dankbar. Dankbar für die Natur. Dankbar, dass er sich diese Zeit nimmt, Tag für Tag, nichts heilt ihn mehr.

Wortgewebe – 7

Mono no aware

Dieser Ausdruck kommt aus dem Japanischen. Er beschreibt das bewusste, gefühlvolle Wahrnehmen der Vergänglichkeit des Lebens.

Der Wind weht in sein Gesicht und malt seine Wangen rot. Er mag den Winter und das Leben auf der Insel. Es ist, als erinnere diese Jahreszeit, dass die Welt Ruhe braucht. Innehalten, wie die Pflanzen, die in der schneebedeckten Erde ruhen. Das Grün wohnt darunter. Es ist tröstlich, darum zu wissen. Hoffnungsvoll.
Seine Schritte tragen ihn zum Leuchtturm. Wie könnte ein solches Gebäude nicht der Seele guttun? Seit einigen Tagen ist das Meer zugefroren. Das erleben sie selten auf der Insel, zuletzt vor fünfzehn Jahren. Das Meer sieht aus wie ein weites weißes Feld. Kaum vorstellbar, dass im Sommer hier blaues Wasser glitzert und Sand im Licht schimmert. Am Leuchtturm angekommen, bleibt er stehen und schaut. Ein paar Minuten lang nichts tun außer schauen.
Von der Meerseite her ist der Turm mit dickem Eis bedeckt. Was für ein Schauspiel der Natur. Es wird vielleicht noch eine Woche bleiben, dann soll Tauwetter kommen. Der unsagbar schöne Eisschnee wird sich verabschieden. Er wird verschwinden, täglich mehr. Mono no aware, denkt er. So nennen die Menschen in Japan das Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Vielleicht macht gerade das es so schön. Schönheit liegt nicht darin, festzuhalten. Sie liegt darin, den Augenblick zu erkennen, bevor er vergeht.

Wortgewebe – 6

Yūgen

Diese Wort kommt aus dem Japanischen. Yūgen bezeichnet ein tiefes, mystisches Empfinden für die verborgene und schwer in Worte zu fassende Schönheit des Universums.


Wind im Gepäck
Stilles Grün
Überall malt es sich ein
und spricht zu uns in Watte gehüllt
Die Schönheit des Universums
für die uns die Worte fehlt
Yūgen sagen die japanischen Menschen
Ein Gefühl, das in uns schaukelt
Schwerelose Dankbarkeit
Dem Himmel entgegenstaunen
Wie warmer Samt auf freier Haut

Wortgewebe – 5

Dolce far niente

Kommt aus dem Italienischen und heißt wörtlich übersetzt: „Das süße Nichtstun“. Sinngemäß bedeutet es: das Leben bewusst zu genießen und die kleinen, ruhigen Momente wertzuschätzen.


Das Café ist nur spärlich besucht. Die Kaffeetassen tragen Schönheit. Wie der Moment. Leise tönt Musik aus den Lautsprechern.
Nichts muss, denkt sie, während sie den ersten Schluck Kaffee nimmt.
Draußen zieht ein sanfter Winterhimmel über die Dächer. Hier drinnen ist es angenehm warm, ihre Schals haben sie abgelegt.
Ab und zu öffnet sich die Türe und Menschen treten ein, bringen ein wenig Kälte und Gespräche mit, manchmal ein Lachen. Menschen gehen wieder hinaus. Die Welt bewegt sich weiter. Natürlich macht sie das. Doch sie folgen ihr nicht. Heute nicht.
Sie sitzen dazwischen, losgelöst von messbarer Zeit oder Verpflichtungen. Tassen klirren leise.
Dolce far niente nennen die Italiener das. Das süße Nichtstun. Eine Süße, die nicht klebt.
Ihre Gedanken wandern nicht, sie ruhen. Es ist wie ein leises Ankommen. Momente, die rein gar nichts verlangen. Momente, die tragen.

Wortgewebe – 4

Gökotta

Das Wort kommt aus dem Schwedischen und bedeutet früh aufstehen, um Vögel zu hören.

Es ist keine Arbeit, die auf ihn wartet. Das klassische Arbeitsleben hat er hinter sich gelassen. Manchmal tauchen Erinnerungen daran auf, meist schöne. Dennoch genießt er seine jetzige Zeit als Pensionär. Er könnte bis mittags im Bett liegen bleiben. Dem Postboten nicht die Tür öffnen, nicht ans Telefon gehen, wenn seine Kinder anrufen. Doch er steht früh auf. Was er vor Jahren nicht mochte, liebt er nun. Vielleicht ist es die Freiwilligkeit, die darin liegt. Sein Wecker klingelt um 7 Uhr. Im Sommer bereits um 5.30 Uhr.  
Doch nun ist Winter und die Vögel machen sich erst später bemerkbar. Im Schlafanzug geht er die Treppe hinunter und setzt Teewasser auf.  Er zieht seinen Mantel an und bindet sich den Schal um. Mit der warmen Teetasse in seinen Händen und einer Decke unter dem Arm geht er hinaus. Seinen Terrassenstuhl rückt er zurecht und nimmt Platz, seine Beine legt er auf einen zweiten Stuhl und schlägt sorgfältig die Decke um sich. Er mag es, wie sein Atem Wolken in die Luft malt, der Tee zieht eine zweite Spur.
Was nun kommt ist die schönste Stunde seines Tages. Er beobachtet das Wachwerden der Vögel, die dem Sonnenaufgang zuvorkommen. Nur vereinzelt klingt Hundegebell oder ein weit entferntes Auto. Der Morgen schenkt viel Ruhe.
Signe hätte es auch geliebt, denkt er und in Gedanken taucht das Bild seiner Frau vor ihm auf. Gökotta, so hätte sie es in ihrer Sprache genannt, die er dank ihr ein wenig sprechen kann.
Er hört die Vögel, bevor er sie sieht, als spielen sie noch Verstecken. Die ersten Meisen huschen zwischen den Bäumen hin und her. Nach einigen Minuten besuchen sie den Futterplatz. Eine Kohlmeise pickt ein Korn und fliegt sofort weiter. Dann folgt eine Blaumeise, die länger verweilt. Aus dem Gebüsch ertönt das helle Zwitschern eines Rotkehlchens.
Er kennt die Gesänge der Vögel. Es war vor Jahren, als ihm bewusst wurde, dass er Sprachen, Technik und Geräte beherrschte, doch nichts von den Stimmen der Vögel in seinem Garten wusste. In der Buchhandlung bestellte er damals Fachbücher. Es dauerte, doch nun kann er die Vögel problemlos auseinanderhalten. Es erfreut ihn jedes Mal, wie eine kleine Genugtuung. Ich kenne euch oder auch Ich weiß, er du bist. Es wird lebendig an der Futterstelle.
Während er die Vögel beobachtet, trinkt er seinen Tee in kleinen, genüsslichen Schlucken. Weder den Vögeln noch ihm machen die kalten Temperaturen etwas aus.
Die Sonne kommt hervor und macht den Wintermorgen heller.
Eine Stunde dauert sein Morgenritual. Dann geht er hinein.
Es wird nicht egal sein, was die Nachrichten am Abend verkünden. Doch er weiß, dass dieser Tag seine Schönheit hatte.