Wortgewebe – 34

Tsundoku

Tsundoku kommt aus dem Japanischen und meint: Bücher kaufen und sie ungelesen stapeln, oft mit dem Vorsatz, sie irgendwann zu lesen.

Wenn er neue Städte besucht, sucht er Buchhandlungen auf. Er kann es nicht lassen, Bücher zu kaufen. Wenigsten eines. Heute kaufte er zwei. Er wird sie ungelesen stapeln. Zumindest eine zeitlang. Da er noch viele andere Bücher hat, die er lesen möchte. Tsundoku sagt sein japanischer Freund. Er liebt es, in Geschichten einzutauchen. Versinken in andere Leben, die seines streifen. Wenn er in Buchhandlungen ist, atmet er tief. Es sind Glücksorte für ihn. Er besitzt nicht viel. Sein Haus ist klein. Doch Bücher besitzt er viele. In jedem Zimmer sind sie. Freunde leihen seine Bücher aus. Meist bekommt er sie zurück. Manche Bücher liest er zweimal. Oft sitzt er in seinem grünen Sessel, nimmt ein Buch vom Stapel, riecht daran, betrachtet das Cover und streicht mit seinen Händen darüber, als sei es die Haut einer Geliebten. Dann liest er die ersten Sätze. Sie sind ein Tor. Bücher haben mein Leben schon mehrmals gerettet, sagte er seiner Schwester vor ein paar Wochen. Sie nickte dazu. Auch sie kennt es. Bücher, die zur richtigen Zeit auftauchen. Bücher, die bleiben. Bücher, die heilsame Pflaster sind.

Wortgewebe – 33

Pihentagyú

Pihentagyú kommt aus dem Ungarischen. Wörtlich kann es übersetzt werden mit „ausgeruhter Kopf“. Der Begriff wird jedoch meist benutzt, für jemanden, der ausgefallene und schräge Ideen hat.

Für sie sind die Wege nicht gerade

Sie geht Umwege

Flüstert und schreit

Wenn andere nicht weiter wollen

geht sie auf ungewöhnliche Weise voran

Legt bunte Spuren

Vögel und Menschen schauen ihr zu

pfeifen und schütteln den Kopf

Sie verschenkt Seifenblasen und Stärke

Ihre Worten sagen: Es geht

Noch mehr ihre Taten

Pihentagyú nennen wir sie

Sie malt ein Stück vom Paradies

Wortgewebe – 32

Dépaysement

Dépaysement kommt aus dem Französischen und meint das Gefühl, wenn man die vertraute Welt hinter sich lässt und irgendwo ganz anders neu eintaucht.

Das Gewohnte verlassen

Neu eintauchen

Für einen Tag oder eine Woche

Die Blumen singen anders

Ungewohnte Klänge

Dépaysement wohnt in der Luft

Wir breiten die Arme aus

Legen uns hinein

Sind Bäume und Reh

Meisen und Staude zugleich

Wir leben ungeschminkt

Unsere Füße finden Halt

Wortgewebe – 31

Uitwaaien

Uitwaaien kommt aus dem Niederländisch und meint: Nach draußen gehen, meist bei Wind, um den Kopf freizubekommen und sich geistig zu erfrischen.

Uuitwaaien

Wind
umspielt
die Haut
Tief atmen
Alles wird frei
Gedanken fließen
Als setze sich etwas
Anderes fliegt davon
Mit der Frische gehen
Sich entgegen

Wortgewebe – 30

Pochemuchka

Pochemuchka kommt auf dem Russischen und bezeichnet einen Menschen, der zu viele Fragen stellt.

Kann ein Pochemuchka eine Frage stellen, die älter ist als die Menschheit?
Wo ist der Wind Zuhause?
Ist Gelb langsamer als Rot?
Weiß der Igel, dass er Stacheln hat?
Ist deine Erinnerung wahr?
Wo bleibt der Moment stehen?
Sollen wir die Hoffnung nie verlieren?
Ist alles zu schnell?
Stimmt jemals alles?