Wortgewebe – 12

Lagom

Das Wort kommt aus dem Schwedischen und beschreibt den Zustand, wenn etwas genau richtig ist – nicht zu viel, nicht zu wenig.

Einverstanden sein
Nicht mit dem Weltgeschehen
Doch mit dem Moment
Lagom
Genau richtig
Es wird nicht anhalten
Doch es trägt
über das Jetzt hinaus

Leipziger Buchmesse – Sonntag

Der letzte Tag der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Mein erster Gang – so war es allmorgendlich – ging ins Pressezentrum:

So begann der Tag wieder mit Ruhe.
Und während die Glashalle sich langsam füllte:

waren andere Orte noch geruhsam leer, wie die Terrasse im Morgenlicht:

Hier war immer Ruhe zu finden, die Silent Reading Lounge:

Eindrücke beim Gang durch die Hallen:

Gute Stellungnahme, tolle Aktion, da machte ich gerne mit:

Auf zur #buchbar. Bei leckerem Latte Macchiato

hörte ich Hasnain Kazim zu seinem Essay „Der Islam und ich. Was mich meine Familie, meine norddeutsche Heimat und mein Leben in muslimischen Ländern über den Islam gelehrt haben“. Er schreibt darin über sein ambivalentes Verhältnis zur Religion, über Herkunft und Erwartungsdruck und darüber, wie schnell öffentliche Debatten Menschen auf Identitäten reduzieren:

Heute war der Weg durch die Hallen angenehm mit ausreichend Platz.
Schöne Stände der wertvollen unabhängigen Verlage, etwa hier:

Mit liebevollen Details:

Der ukrainische Stand:

Ich besuchte die Veranstaltung von CORRECTIV, die so wertvollen Journalismus betreiben. Die Recherche und das Buch „Akten des Missbrauchs: Die Geschichte eines organisierten Verbrechens im Vatikan“ wurde vorgestellt. CORRECTIV-Reporter Marcus Bensmann hat acht Jahre lang daran gearbeitet. Was mit einem Einzelfall im Ruhrgebiet begann, erstreckt sich über viele Länder und geht bis zu den Toren des Vatikans. Es zeigt sich ein Netzwerk der Vertuschung. Im Herzen des Vatikans existiert eine einzigartige Registratur, die den Weg in ein Archiv weist, das Informationen zu klerikalen Missbrauchstätern weltweit sammelt und verwahrt. Es geht Bensmann nicht um eine Zersetzung der Kirche, er selbst ist noch in der Kirche, doch es geht darum, dass Verantwortung nicht vertuscht werden darf.

Die Recherche wird auf Theaterbühnen und in Kinos zu sehen sein.
Aufführungstermine lassen sich unter diesem Link verfolgen:

Abermals besuchte ich die #buchbar, wo Debüts vorgestellt wurden, wie dieses:

Ein Blick nach draußen:

Eva Gengler im Gespräch zu ihrem Buch „Feministische KI“:

Tomer Gardi sprach zu seinem Roman „Liefern“, in dem es um Essenslieferanten geht. Zur Recherche hat der Autor mit Essenslieferanten in mehreren Ländern gesprochen, über ihr Leben, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte. Jedes Kapitel trägt einen anderen Klang, da jede vorkommende Stadt und jedes Land einen anderen Klang trägt, so der sympathische Autor. Der Roman wirkt wie ein Blick auf die Globalisierung, er ist gegenwärtig, politisch und zugleich leichtfüßig. Gestern tauchte er auch bei Denis Schecks Buchempfehlungen auf und auch dieser Roman steht auf meiner Wunschliste:

Lesezeit mit Matthias Jügler, Charlotte Gneuß und Steffen Moratz, moderiert von Carsten Tesch, nannte sich meine nächste Veranstaltung. „Wir dachten, wir könnten fliegen“ heißt die Anthologie, herausgegeben von Matthias Jügler. Viele Autor*innen sind darin vertreten wie T.C.Boyle, Julia Schoch, Kim de l`Horizon, Charlotte Gneuß uva. Sie alle schrieben über ausgestorbene und verlorene Tiere und Pflanzen. Schauspieler*innen und Schauspieler haben diese Geschichten vertont. Eine wichtige Thematik, denn vermutlich wissen wir alle es, das Massensterben bedroht unser gesamtes Ökosystem. Ich wünsche dem Buch und uns allen, dass dieses Buch einen wichtigen Anstoß gibt, dass wir uns für eine klimagerechte Zuunft einsetzen.

Mitmachaktionen:

Der Cappuccino auf der Buchmesse schmeckt vorzüglich. Danke all den vielen Menschen, die mit so guter Laune und so fleißig diese Woche hier gearbeitet haben:

Ja, Geschichten verbinden:

So leer war es nur nun zum Ende am taz-Stand:

Die Glashalle leerte sich:

Manches ging verloren:

Doch ich bin mir sicher, dass ganz vieles mitgenommen wird, viele Bücher, viele Buchtipps, viel Inspiration und viele Eindrücke.

Auch die Treppe leerte sich:

Das Pressezentrum darf nun ausruhen:

Die Glashalle im Abendlicht, jedes Jahr ist das besonders schön:

Hier noch beeindruckende Zahlen: 313.000 Besucher*:innen (2025: 296.000) kamen in diesem Jahr zur Leipziger Buchmesse und haben bei über 3.000 Veranstaltungen an über 300 Leseorten in Leipzig die Literatur in all ihren Spielarten gefeiert. 2.044 Aussteller*innen aus 54 Ländern beteiligten sich, um die Buchmesse als Präsentationsplattform für ihre Frühjahrs-Neuerscheinungen zu nutzen und ihre Autor*innen dem Lesepublikum vorzustellen.

Ich blicke dankbar auf diese Tage zurück.
Auch diesmal dachte ich wieder, die Buchmessen machen die Welt zu einem besseren Ort. Die Themen der Zeit fanden Raum. Es gibt wunderbare Bücher, tolle Autor*innen und überhaupt so viele Menschen, die in der Buchbranche mit viel Herz wertvolle Arbeit leisten.
Ich blicke dankbar, inspiriert und erfüllt auf diese Buchmesse zurück, die auch geprägt war von wertvollen Begegnungen.

Ich freue mich nun schon auf die Leipziger Buchmesse 2027:

Ja, darauf freue ich mich sehr. Zum einen weil ich die Buchmessen sehr schätze und liebe. Zum anderen, weil zur Leipziger Buchmesse 2027 mein Debüt erscheinen wird. Das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit, viel Freude, Vorfreude und es berührt mich in schöner Art und Weise.

So grüße ich euch bewegt und glücklich aus Leipzig
Marion

Leipziger Buchmesse – Samstag

Der Samstag ist der vollste Tag der Buchmesse. Schon am Morgen war viel los. Viele Cosplayer gab es zu entdecken:

Meine erste Veranstaltung führte mich zur Glashalle, wo auf der Literaturbühne das Buch von Maxim Leo „Einatmen. Ausatmen“ vorgestellt wurde. Ein humorvoller Roman über die Suche nach dem richtigen Leben und dem Weg zu uns selbst. In dem Gespräch sagte Martin Leo, dass er gerne von Dankbarkeit anstelle Achtsamkeit spreche. Woraufhin die Moderatorin Katty Sallíe das Publikum einlud, einen Moment die Dankbarkeit zu spüren, darüber, dass wir heute hier sind und hier sitzen. Mitten im Trubel drumherum war das ein sehr besonderer Moment der gemeinschaftlichen Stille.

In dem Format Druckfrisch gab Denis Scheck in gewohnt temporeicher Art Literaturtipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Hier etwa den Roman „Frauenprobleme“ von Lina Muzur:

Als er das Sachbuch „Meinungsfreiheit“ von Ronan Steinke vorstellte, ging er auf den Kulturstaatsminister Wolfram Weimar ein, der veranlasst hat, dass drei  Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis ausgeschlossen wurden – obschon sie zuvor von der Jury nominiert worden sind – und dass dieser bedeutsame Preis für dieses Jahr nun ganz abgesagt wurde. Ein Thema, das hier auf der Buchmesse sehr präsent ist. Den drei Buchhandlungen müsste man ein Denkmal setzen, so Denis Scheck. Es ist zu spüren, die Buchmesse ist immer auch eine politische Messe.

Stellungnahme zu dieser Debatte auch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels:

Hier seht ihr Sophie Passmann zu ihrem Buch „Wie kann sie nur?“ im Gespräch mit Mona Ameziane. Ihr Buch handelt von der widersprüchlichen Welt weiblicher Selbstdarstellung in den sozialen Medien:

Eine wichtige und gute Diskussionsrunde zum Thema „Nicht nachlassendes Engagement. Der Kampf gegen rassistische und patriarchale Gewalt“.
Christina Clemm kritisierte zu recht, dass zur Zeit bedeutsame Gelder gekürzt werden sollen für Projekte, die Demokratie fördern.
Die Veranstaltung zeigte, wie wichtig Widerstand ist, den braucht es in einer Welt, die zunehmend faschistischer wird.
„Warum darf ich dennoch ein Kind in diese Welt setzen?“ war die abschließende Frage der schwangeren Moderatorin. Matthias Meißners Antwort: „Bitte möglichst ein Kind, auf dass es viele Widerworte gibt.“ 
Und Christina Clemms Antwort lautete: „Es ist richtig, Kinder zu bekommen und es ist richtig, das Leben zu genießen und sich mit anderen zu verbinden. Solidarität macht viel mehr Spaß als diese ganze rechte Hetze, die mit Hass verbunden ist  und die immer nur das Negative sieht. Wir können uns miteinander verbinden und einander unterstützen.“ Mein Ja zu diesen Haltungen.

Eine weiteres wichtiges Gespräch erlebte ich im Forum Sachbuch. Sally Lisa Starken sprach zu ihrem Buch „Wenn der rechte Rand regiert“. Es wurde deutlich, wie wichtig es ist, das rechtsextreme Drehbuch der AfD zu stoppen und die aktuellen Entwicklungen nicht zu verharmlosen. Und ebenso, wie bedeutsam Widerstand ist.

Eine schöne Atmosphäre vor dem blauen Sofa. Auf einladenden Sitzsäcken hören die Menschen den Gesprächen zu. Hier Markus Orth zu seinem Buch „Die Enthusiasten“:

Iryna Fingerova zu ihrem Buch „Zugwind“. In dem Buch geht es um eine junge ukrainische Ärztin und den Versuch, Trost in alltäglichen Dingen zu finden. Meine Lesewunschliste wächst und wächst:

Auch heute gab es gute Treffen und Gespräche. Zwischen Kaffee und Äpfeln hatte jemand aus Keksen ein feines Wort gelegt:

Dann erlebte ich Christian Haller zu seinem Buch „Einfallende Dämmerung“. Ein melancholisch-heiteres Buch in dem es um das Altern geht.
Was ein sympathischer 83-jähriger Schriftsteller aus der Schweiz.
Eine Frau neben mir hatte Tränen in den Augen und meinte, sie sei ganz berührt. Ja, so ging es mir und sicherlich vielen anderen auch.
Das war wieder einer der Momente die zu meinem „Buchmessen-Glück“ gehören:

Abends ging es für mich zur Klimabuchmesse, die mit vielen Veranstaltungen in der Stadt und auf dem Messegelände unterwegs ist.
„Mutig statt machtlos: Geschichten vom Aufstehen und Weitermachen“ hieß der Titel der Veranstaltung.
Gute Stände vor dem Saal, wie dieser über die lesenswerte Zeitschrift Atmo:

Gruppenfoto auf der Bühne:

Es war eine bedeutsame und inspirierende Diskussion über Hoffnungen, Verantwortung und die Kraft der eigenen Handlungsmöglichkeiten.
Hier seht ihr die lesenswerten Bücher:

Auch das schätze ich sehr an den Buchmessen, sie geben Mut, regen an und zeigen, wie viele Menschen sich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Literatur ist sicherlich ein wichtiger Baustein bei der Gestaltung einer Welt, wie wir sie uns wünschen.

Ein berührender, guter und mutmachender Tag und Abend!

Es grüßt euch aus Leipzig mit vielen Eindrücken
Marion

Leipziger Buchmesse – Freitag

Lieblingsstände, die lediglich so früh am Morgen – vor 10 Uhr – so leer vorzufinden sind:

Dem schließe ich mich an:

Bei der Lesart war Ildikó von Kürthy zu ihrem Buch „Alt genug“ und Judith Holofernes zu ihrem Buch „Hummelhirn“ im amüsanten Gespräch mit Frank Meyer zu erleben:

Ildikó von Kürthys Tasche in Großaufnahme. Ich finde, das Leben braucht manchmal diese süßen Dinge:

Clara Hinrichs sprach zu ihrem Buch „Meine verletzte Generation“:

Es ist kein Buch über die Klimakrise, wie man vielleicht zunächst vermuten würde, sondern ein politisches Zeitdokument über staatliche Macht, Repressionen und die Notwendigkeit, demokratische Rechte aktiv zu verteidigen.

Am Schweizer Stand erlebte ich Walter Fabian Schmid mit seinem Roman „Schattenwurf“, in dem es um Energiekrise, Klimaschäden, Fake News und Wutbürger inmitten einer dörflichen Idylle geht:

Gerne besuchte ich wieder die #buchbar, in der Debüts vorgestellt wurden:

Abermals bestand der Tag auch aus Treffen, Wiedersehen und guten Gesprächen.

Es gibt viele wunderbare Bücher, herausgegeben von den unabhängigen Verlagen. Diese Broschüre stellt viele Buchschätze vor:

Überall sind kreative Verkleidungen von buchliebenden Menschen zu sehen:

Blick von oben in die Glashalle, mit langer Schlange vor dem Eisstand und im Hintergrund das Blaue Sofa:

Wo ist Walter? Auch auf der Buchmesse! Seht selbst:

Gut besucht war auch Thea Dorn im Gespräch mit Bodo Kirchhoff zu seinem Buch „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“:

Bevor die Tore schließen, gibt es häufig Treffen an Ständen. Schön war es, Austausch, Gespräche und Vernetzung.

Abends ging es für mich weg von der großen Messe zum Lyrik- und Prosa-Abend zur Buchmesse im feinen kleinen Kreis mit Sascha Kokot, John Sauter und Martina Hefter:

Was ein schöner Abschluss dieses reichhaltigen Buchmessentags.

Es grüßt euch, dankbar hier zu sein, aus Leipzig
Marion

Leipziger Buchmesse – Donnerstag

Ich mag die Buchmessen sehr. Und so freue ich mich, wieder hier in Leipzig zu sein.


Gestern bin ich angereist und habe abends die erste Veranstaltung besucht: Die Lange Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei.

Die Atmosphäre dort spricht mich sehr an. In vier verschiedenen Räumen der Bastei finden zeitgleich Lesungen statt. Als ich Martina Hefter erlebte, die aus ihren Gedichtbänden vorlas, dachte ich: „Ja, die lange Anreise lohnt sich. Wegen solcher Momente bin ich hier.“ Ich könnte ihr stundenlang zuhören:

Nun aber zum heutigen Tag, dem ersten Tag der Leipziger Buchmesse 2026.
Im Pressenzentrum sind jährlich die nominieren Bücher für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgestellt. In der oberen Reihe seht ihr Belletristik, in der mittleren Reihe die Sachbücher und in der unteren Reihe die nominierten Übersetzungen:

Beim Blick hinaus sah ich die langen Schlangen am Eingang. Ich gebe zu, ich bin froh, dass ich mich hier nicht anstellen musste:

Die sonnendurchflutete Glashalle füllte sich:

Was ein schöner Titel dieses Buches von Dana Grigorcea, in dem es um Liebesgeschichten, Umbrüche, Sehnsüchte und Geschichtenerzählen geht:

Pascale Hugues zu ihrem Roman „So voller Leben“. Ein Buch über ihre Mutter, die manisch-depressiv war, was zur damaligen Zeit sehr tabuisiert war. Es stehe stellvertretend für eine ganze Generation Frauen, sagte sie:

Hier seht ihr die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse aus dem Bereich Belletristik, die zu ihren Werken interviewt wurden und daraus vorlasen:

Buchmesse bedeutet auch Treffen und Netzwerken, das stand nun für mich an. Immer wieder schön, Bekannte und Menschen aus der Buchbranche zu treffen.

Und dann gibt es die Zufallsfunde wie hier. An einem Stand ein Lyrikbuch aufklappen und berührt werden:

In der #buchbar wurden Debüts in lockerer schöner Atmosphäre vorgestellt. Bei Kaffee und Kuchen kann man anschließend mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen. Ein gutes Konzept:

Später erlebte ich Lena Gorelik, die den Preis der Literaturhäuser zu ihrem Buch „Alle meine Mütter“ erhielt. Es gab eine wunderbare Laudatio. Lena Gorelik sprach danach zu ihrem berührenden Buch und las daraus vor. „Ein Buch, das uns alle angeht“, so die Moderatorin:

Nun fand die nächste große feierliche Preisverleihung statt: Der Preis der Leipziger Buchmesse. Die nominierten Werke aus den drei Kategorien wurden vorgestellt.
Im Bereich Übersetzung gewann Manfred Gmeiner der das Buch „Unten Leben“ von Gustavo Faverón Patriau vom Spanischen ins Deutsche übersetzt hat.
Im Bereich Sachbuch gewann Marie-Janine Calic mit ihrem Buch „Balkan-Odysee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“. Sie machte in ihrer Dankesrede deutlich, dass das Thema Flucht heute sehr aktuell ist und ihr Sachbuch damit eine Brücke in die Gegenwart schlage.
Und schließlich im Bereich Belletristik, hier gewann Katerina Poladjan mit „Goldstrand“:

Immer wieder luden Stände zum Verweilen ein:

Abends ging es für mich erneut zur Langen Lesenacht in der Moritzbastei. Viele großartige Bücher durfte ich in der einladenden Atmosphäre erleben. Ich greife aus dem großen Topf zwei tolle Romane hinaus, aus denen die Autorinnen wunderbar mitnehmend vorlasen. Esther Schüttpelz mit ihrem Roman „Grüne Welle“:

Und Nefeli Kavouras mit ihrem Roman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“:

Was ein schöner Tag und Abend!

Es grüßt euch bücherliebend aus Leipzig
Marion

Wortgewebe – 11

Sisu

Das Wort kommt aus dem Finnischen und bedeutet innere Stärke und unerschütterliche Ausdauer.

Nicht Aufgeben
Dranbleiben
Sisu
Tief brennt das Feuer
Still, stark, unerschütterlich
Wolken ziehen vorbei
Licht fällt durch die Kurve
Mehr möglich als gewagt
Blüten lachen
Es entfaltet
Alles was möglich ist

Wortgewebe – 10

L’esprit de l’escalier

Das Wort kommt aus dem Französischen und meint: Wenn dir die perfekte Antwort erst einfällt, nachdem du schon gegangen bist.

Zu sechs hatten sie um den runden Tisch im Café gesessen. Teekannen auf dem Holztisch, bunte Tassen, Karaffen mit Holundersaft, Gläser, eine Schale mit Oliven und eine mit Nüssen.
Sie weiß nicht, ob es den anderen aufgefallen war, doch sie war diejenige, die eine weiße Tasse nahm. Nicht, weil sie die wählte. Sondern weil die blaue, grüne, rote, gelbe, türkise schon von den anderen genommen worden waren. Sie kannte das an sich. Eine Sekunde später als die anderen sein. Abwarten. Nicht vordrängeln. Nein, das war nicht schlimm. Doch manchmal wünschte sie, sie wäre diejenige mit der roten Tasse.
Sie hatte nicht die Redeanteile gemessen, keine Stoppuhr lief mit. Und doch sagte etwas in ihr, sie habe am wenigsten geredet. Sie war die, die zuhörte. Die den anderen zunickte. Vielleicht weil sie die jüngste von vier Geschwistern war. Es kam ihr vor, als seien immer schon Gespräche dagewesen, lange vor ihr. Als hätte sie den Platz der Zuhörerin einnehmen müssen, da dieser auf sie wartete.
Andere mochten sie deswegen. „Du hörst so gut zu“, sagten sie ihr häufig. Manchmal wünschte sie, dass sie einen Abend lang auf einer Bühne stehen und erzählen würde. Ohne Punkt und Komma. Mit ausladenden Gesten. Im Inneren wusste sie darum, dass vermutlich ein Gefühl des Unwohlseins an ihren Beinen hochkriechen würde, stünde sie auf einer Bühne.
Während sie sich verabschiedeten, umarmten und sagten, wie schön das Treffen gewesen sei, kam Bel zu ihr. Bel war die lauteste von allen. Bel küsste sie auf ihre Wange, hielt sie in der Umarmung kurz fest und sagte: „Manchmal frage ich mich, was du eigentlich alles nicht sagst.“ Sie lachte dabei.
Danach waren sie auseinander gegangen, einander noch einmal zuwinkend. Sie blickte den anderen nach. Sie schloss ihr Rad noch nicht auf, ihr Blick lag auf Bel, deren Rock auf- und abwippte.
Hatte sie „Ach“ gesagt oder gar nichts. Sie wusste es nicht mehr.
Während sie ihr Rad aufschloss, fiel ihr die Antwort ein. Wie so oft erst, als alles vorbei war. L’esprit de l’escalier, nennen die Franzosen es: Wenn dir die Antwort erst einfällt, nachdem du schon gegangen bist. Nachdem die anderen schon weg sind. Nachdem Bel nicht mehr zu sehen war.
Sie dachte an die weiße Tasse auf dem Tisch. Wie sie auf dem Tisch übrig geblieben war, als die anderen schon bewusst oder unbewusst ihre Farben gewählt hatten.
„Ich sage nicht nichts“, dachte sie. „Weiß ist keine leere Farbe. Es ist die, in der noch alles möglich ist.“
Sie schloss ihr Rad auf, fuhr nach Hause und die letzten Meter vor ihrem Zuhause fuhr sie freihändig.