Leipziger Buchmesse – Donnerstag

Ich mag die Buchmessen sehr. Und so freue ich mich, wieder hier in Leipzig zu sein.


Gestern bin ich angereist und habe abends die erste Veranstaltung besucht: Die Lange Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei.

Die Atmosphäre dort spricht mich sehr an. In vier verschiedenen Räumen der Bastei finden zeitgleich Lesungen statt. Als ich Martina Hefter erlebte, die aus ihren Gedichtbänden vorlas, dachte ich: „Ja, die lange Anreise lohnt sich. Wegen solcher Momente bin ich hier.“ Ich könnte ihr stundenlang zuhören:

Nun aber zum heutigen Tag, dem ersten Tag der Leipziger Buchmesse 2026.
Im Pressenzentrum sind jährlich die nominieren Bücher für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgestellt. In der oberen Reihe seht ihr Belletristik, in der mittleren Reihe die Sachbücher und in der unteren Reihe die nominierten Übersetzungen:

Beim Blick hinaus sah ich die langen Schlangen am Eingang. Ich gebe zu, ich bin froh, dass ich mich hier nicht anstellen musste:

Die sonnendurchflutete Glashalle füllte sich:

Was ein schöner Titel dieses Buches von Dana Grigorcea, in dem es um Liebesgeschichten, Umbrüche, Sehnsüchte und Geschichtenerzählen geht:

Pascale Hugues zu ihrem Roman „So voller Leben“. Ein Buch über ihre Mutter, die manisch-depressiv war, was zur damaligen Zeit sehr tabuisiert war. Es stehe stellvertretend für eine ganze Generation Frauen, sagte sie:

Hier seht ihr die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse aus dem Bereich Belletristik, die zu ihren Werken interviewt wurden und daraus vorlasen:

Buchmesse bedeutet auch Treffen und Netzwerken, das stand nun für mich an. Immer wieder schön, Bekannte und Menschen aus der Buchbranche zu treffen.

Und dann gibt es die Zufallsfunde wie hier. An einem Stand ein Lyrikbuch aufklappen und berührt werden:

In der #buchbar wurden Debüts in lockerer schöner Atmosphäre vorgestellt. Bei Kaffee und Kuchen kann man anschließend mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen. Ein gutes Konzept:

Später erlebte ich Lena Gorelik, die den Preis der Literaturhäuser zu ihrem Buch „Alle meine Mütter“ erhielt. Es gab eine wunderbare Laudatio. Lena Gorelik sprach danach zu ihrem berührenden Buch und las daraus vor. „Ein Buch, das uns alle angeht“, so die Moderatorin:

Nun fand die nächste große feierliche Preisverleihung statt: Der Preis der Leipziger Buchmesse. Die nominierten Werke aus den drei Kategorien wurden vorgestellt.
Im Bereich Übersetzung gewann Manfred Gmeiner der das Buch „Unten Leben“ von Gustavo Faverón Patriau vom Spanischen ins Deutsche übersetzt hat.
Im Bereich Sachbuch gewann Marie-Janine Calic mit ihrem Buch „Balkan-Odysee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“. Sie machte in ihrer Dankesrede deutlich, dass das Thema Flucht heute sehr aktuell ist und ihr Sachbuch damit eine Brücke in die Gegenwart schlage.
Und schließlich im Bereich Belletristik, hier gewann Katerina Poladjan mit „Goldstrand“:

Immer wieder luden Stände zum Verweilen ein:

Abends ging es für mich erneut zur Langen Lesenacht in der Moritzbastei. Viele großartige Bücher durfte ich in der einladenden Atmosphäre erleben. Ich greife aus dem großen Topf zwei tolle Romane hinaus, aus denen die Autorinnen wunderbar mitnehmend vorlasen. Esther Schüttpelz mit ihrem Roman „Grüne Welle“:

Und Nefeli Kavouras mit ihrem Roman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“:

Was ein schöner Tag und Abend!

Es grüßt euch bücherliebend aus Leipzig
Marion

Wortgewebe – 11

Sisu

Das Wort kommt aus dem Finnischen und bedeutet innere Stärke und unerschütterliche Ausdauer.

Nicht Aufgeben
Dranbleiben
Sisu
Tief brennt das Feuer
Still, stark, unerschütterlich
Wolken ziehen vorbei
Licht fällt durch die Kurve
Mehr möglich als gewagt
Blüten lachen
Es entfaltet
Alles was möglich ist

Wortgewebe – 10

L’esprit de l’escalier

Das Wort kommt aus dem Französischen und meint: Wenn dir die perfekte Antwort erst einfällt, nachdem du schon gegangen bist.

Zu sechs hatten sie um den runden Tisch im Café gesessen. Teekannen auf dem Holztisch, bunte Tassen, Karaffen mit Holundersaft, Gläser, eine Schale mit Oliven und eine mit Nüssen.
Sie weiß nicht, ob es den anderen aufgefallen war, doch sie war diejenige, die eine weiße Tasse nahm. Nicht, weil sie die wählte. Sondern weil die blaue, grüne, rote, gelbe, türkise schon von den anderen genommen worden waren. Sie kannte das an sich. Eine Sekunde später als die anderen sein. Abwarten. Nicht vordrängeln. Nein, das war nicht schlimm. Doch manchmal wünschte sie, sie wäre diejenige mit der roten Tasse.
Sie hatte nicht die Redeanteile gemessen, keine Stoppuhr lief mit. Und doch sagte etwas in ihr, sie habe am wenigsten geredet. Sie war die, die zuhörte. Die den anderen zunickte. Vielleicht weil sie die jüngste von vier Geschwistern war. Es kam ihr vor, als seien immer schon Gespräche dagewesen, lange vor ihr. Als hätte sie den Platz der Zuhörerin einnehmen müssen, da dieser auf sie wartete.
Andere mochten sie deswegen. „Du hörst so gut zu“, sagten sie ihr häufig. Manchmal wünschte sie, dass sie einen Abend lang auf einer Bühne stehen und erzählen würde. Ohne Punkt und Komma. Mit ausladenden Gesten. Im Inneren wusste sie darum, dass vermutlich ein Gefühl des Unwohlseins an ihren Beinen hochkriechen würde, stünde sie auf einer Bühne.
Während sie sich verabschiedeten, umarmten und sagten, wie schön das Treffen gewesen sei, kam Bel zu ihr. Bel war die lauteste von allen. Bel küsste sie auf ihre Wange, hielt sie in der Umarmung kurz fest und sagte: „Manchmal frage ich mich, was du eigentlich alles nicht sagst.“ Sie lachte dabei.
Danach waren sie auseinander gegangen, einander noch einmal zuwinkend. Sie blickte den anderen nach. Sie schloss ihr Rad noch nicht auf, ihr Blick lag auf Bel, deren Rock auf- und abwippte.
Hatte sie „Ach“ gesagt oder gar nichts. Sie wusste es nicht mehr.
Während sie ihr Rad aufschloss, fiel ihr die Antwort ein. Wie so oft erst, als alles vorbei war. L’esprit de l’escalier, nennen die Franzosen es: Wenn dir die Antwort erst einfällt, nachdem du schon gegangen bist. Nachdem die anderen schon weg sind. Nachdem Bel nicht mehr zu sehen war.
Sie dachte an die weiße Tasse auf dem Tisch. Wie sie auf dem Tisch übrig geblieben war, als die anderen schon bewusst oder unbewusst ihre Farben gewählt hatten.
„Ich sage nicht nichts“, dachte sie. „Weiß ist keine leere Farbe. Es ist die, in der noch alles möglich ist.“
Sie schloss ihr Rad auf, fuhr nach Hause und die letzten Meter vor ihrem Zuhause fuhr sie freihändig.

Wortgewebe – 9

Inoskulation


Das Wort kommt aus dem Lateinischen, die beiden Teile „in“ und „osculari“ bedeuten zusammen so etwas wie „sich nach gegenüber küssen“. Inoskulation ist ein biologisches Phänomen und meint das Zusammenwachsen zweier nebeneinanderstehender Bäume.

Das milde Wetter lädt ihn ein. Er blickt nach oben und blinzelt in den blauen Himmel. Dieses Himmelblau ist eindeutig seine Lieblingsfarbe. Der nahende Frühling ist an solchen Tagen spürbar. Während er geht, hat er das Gefühl, dass er das Grau der Woche abstreift. Seine Woche trägt zu viel Grau: Kühle Büroräume, Kaffeemaschinen auf Fluren, beige Teppiche, die die Schritte dämpfen wollen. Der einzige Lichtblick diese Woche waren die Fotos auf seinem Handy, die Erik ihm schickte.
Erik, noch fühlt sich alles neu an.
Er atmet tief ein. Es ist, als atme alles in ihm die Farben der Natur ein. Immer wieder erstaunt es ihn, wie viele Grünfarben die Natur trägt. Mehr als wir der Farbe Namen geben. Es gibt so viel mehr als hellgrün, dunkelgrün, blaugrün, neongrün, mintgrün oder lindgrün. Mehr als grasgrün, olivgrün oder smaragdgrün.
Er sollte das jeden Tag machen. Das Grün der Natur und das Blau des Himmels einatmen. Wenn er hier ist, versteht er nicht, warum er dem nicht ausreichend Gewicht gibt.
Radfahrer überholen ihn und Kinder laufen an ihm vorbei. Paare und Familien kommen ihm entgegen. Die Menschen wirken gut gelaunt. Vielleicht ist es das frühlingshafte Wetter. Vielleicht auch sein eigener Blick.
Er wählt einen Weg, den er noch nie wählte. Vermutlich setze ich damit meinem Alltagstrott etwas entgegen, denkt er. Meine stille Rebellion. Bekannte Wege verlassen. Ich mache das viel zu selten.
Er geht in einen Park. Einzelne Bäume zeigen ihr Weiß in großer Wucht. Entfernt hört er Hundegebell. Er geht so, dass er auf Äste tritt. Das dabei entstehende Geräusch liebt er. Dieses Knacken.
Und dann sieht er sie. Zwei Bäume, die nebeneinander stehen und zusammengewachsen sind. Das rührt ihn an. Sie scheinen sich zu umarmen. Er erinnert sich an Rita, eine Freundin, die davon erzählte, dass man dieses Phänomen Inoskulation nennt. Er bleibt stehen und schaut.
Seine Hand streicht über die Stelle, an der die beiden Bäume zusammengewachsen sind. Die Bäume teilen Wasser, Nährstoffe, vermutlich sogar ein Stück Stabilität.
Vielleicht passiert genau das mit Erik und mir, denkt er. Langsam und stetig.

Wortgewebe – 8

Friluftsliv

Es ist ein norwegisches Wort und bedeutet wörtlich Freiluftleben. Friluftsliv beschreibt jedoch mehr als nur draußen sein, es ist eine skandinavische Lebensphilosophie, die beinhaltet, bewusst Zeit in der Natur zu verbringen und Verbundenheit mit der Umwelt zu spüren.

Die Türe lässt er hinter sich zufallen und atmet tief ein. Sobald er draußen ist, ist es, als weite sich sein Inneres. Er braucht keinen Anlauf, sofort ist dieses Gefühl da.
Vielleicht, weil er als Junge täglich stundenlang draußen unterwegs war. Mit seinen Freunden spielte er wieder und wieder im Wald. Sie bauten Hütten, liefen mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch Bäche und lagen auf Wiesen. Sie waren freie Kinder, die erst zum Abendessen heimkehrten. Die Hosen oft zerrissen und von den Eltern mit Flicken versehen.
Du trägst das Friluftsliv-Gen in dir, sagt seine Frau häufig zu ihm. Ja, er liebt es, in der Natur zu sein. Verbundenheit mit der Erde zu spüren. Sich als Teil der Natur zu fühlen.
Seine Gedanken fließen dahin, sanft wie seine Schritte. Dieses Gedankenfließenlassen kommt ihm vor, als würde er neu zusammengesetzt. Als setze sich alles in ihm genau dorthin, wo es Platz hat.
Das Wetter spielt keine Rolle, er geht zu jeder Jahreszeit hinaus. Nur Gewitter hält ihn ab. Heute ist das Wetter mild. Die Luft auf der Haut. Er geht hier draußen aufrechter als in Räumen. Das geschieht ganz von allein.
In wenigen Minuten ist er im Wald. Er geht abseits der geteerten Wege, mitten hinein. Überall lassen sich Pfade finden. Das Geräusch der knackenden Äste unter seinen Füßen mag er.
Später geht er über Felder, den Wald hinter sich lassend. Sein Blick wandert mehrmals nach oben in den Himmel. Er lässt seine Schultern kreisen und breitet die Hände aus. Wie die Flügel eines Vogels. Die Natur lässt ihn wieder der Junge sein, der mit ausgebreiteten Armen durch Wiesen lief.
Dieser Junge wohnt noch immer in ihm. All das, was war, lebt in seinen Poren: das Kind, der Jugendliche, der junge Mann, der älter werdende Mann. Er hat keine Angst vor Veränderungen. Wie könnte er? Die Natur zeigt es ihm immer wieder. Leben bedeutet Veränderung, vom ersten Schritt an. Es fügt sich ein, denkt er, und er ist dankbar. Dankbar für die Natur. Dankbar, dass er sich diese Zeit nimmt, Tag für Tag, nichts heilt ihn mehr.