Wortgewebe – 30

Pochemuchka

Pochemuchka kommt auf dem Russischen und bezeichnet einen Menschen, der zu viele Fragen stellt.

Kann ein Pochemuchka eine Frage stellen, die älter ist als die Menschheit?
Wo ist der Wind Zuhause?
Ist Gelb langsamer als Rot?
Weiß der Igel, dass er Stacheln hat?
Ist deine Erinnerung wahr?
Wo bleibt der Moment stehen?
Sollen wir die Hoffnung nie verlieren?
Ist alles zu schnell?
Stimmt jemals alles?

Wortgewebe – 29

Tingo

Tingo – Rapa Nui (Osterinsel): Sich nach und nach Dinge von jemandem ausleihen, bis kaum noch etwas übrig ist.

Ihre neue Wohnung war leer. Keine unangenehme Leere. Sie mochte die Klarheit des Wenigen. Es schenkte ihr Luft zum Atmen.
Sie besuchte ihre Tante. Es war die Sorte von Tante, die ein Herz aus Gold hatte, überaus gastfreundlich war und in deren Haus viel herumstand. Es gab keine Ecke, in der es nichts zu bestaunen gab. Ihr Haus wirkte beinahe wie ein lebendiger Flohmarkt.
Ihre Tante hatte Kaffee und Kuchen bereitgestellt, und sie erzählten sich aus ihrem Leben. Was für ein schönes Tablett ihre Tante hatte. Nächste Woche würden ihre Freundinnen kommen, und es wäre praktisch, solch ein Tablett zu haben.
„Du, Tante Mina, kann ich mir das Tablett mal ausleihen?“
„Natürlich, meine Schöne. Nimm es gerne mit.“
Die Tante nannte sie immer schon die Schöne. Daran hatte sich nichts geändert. Als sie drei Jahre alt war, hatte das angefangen. Nun war sie 28, und sie blieb die Schöne.
„Und sag mal, diese kleinen Gläser, darf ich mir die auch borgen? Ich bekomme Besuch und habe keine Gläser.“
„Nimm sie gerne mit, meine Schöne.“
Nach drei Stunden hatten sie vier Tassen Kaffee getrunken, zwei Stück Kuchen gegessen und viele Gedanken miteinander geteilt. Sie verabschiedete sich mit einer wärmenden Umarmung und verließ das Haus mit dem Tablett, den Gläsern, Tellern, einer Kuchenplatte, einer Kuchenschaufel, einer Vase, zwei Bildern, einem Spiegel, einem Teppich, einem Radio, zwei Stühlen, einem Sessel und einem Hocker. Es passte alles in ihren kleinen Reisebus.
Zu Hause platzierte sie alles, stellte es noch einmal um, bis sie meinte, den richtigen Ort gefunden zu haben.
Sie ließ sich in den Sessel fallen und atmete tief aus.
Dann blickte sie sich um. Es war bunt um sie herum. Ihre Wohnung war voll. Was hatte sie gemacht?
„Tingo“, sagte sie leise zu sich selbst.
Vor einem Jahr hatte sie die Osterinsel besucht und dort dieses Wort kennengelernt. Dieses Wort und seine Bedeutung: sich nach und nach Dinge von jemandem auszuleihen, bis kaum noch etwas übrig bleibt.
Ihre Wohnung fühlte sich voll an, zu voll. Dabei schätzte sie doch die Klarheit der Leere.
Sie rief ihre Tante an.
Bevor sie etwas sagen konnte, lachte ihre Tante.
„Ich wusste, dass du anrufen würdest. Ich kenne dich doch und deinen Wunsch nach Klarheit.“
„Dann ahnst du bestimmt, was jetzt passiert. Ich möchte morgen vorbeikommen. Dann bringe ich dir die Sachen zurück.“
„Welche Sachen?“, fragte ihre Tante.
„Alle.“
„Schade“, sagte Tante Mina. „Ich hätte noch einen Schrank für dich.“
Und dann mussten beide lauthals lachen.

Wortgewebe – 28

Petrichor

Petrichor kommt aus dem Englischen und bezeichnet den angenehmen Duft, der entsteht, wenn nach einer längeren Trockenperiode Regen auf trockenen Boden fällt.

Endlich. Die Tropfen fielen vom Himmel. Geschützt saßen wir auf der überdachten Terrasse. Vor uns halb gefüllte Weingläser, kleine Schalen mit Nüssen, Oliven auf einem blauen Teller, eine Karaffe mit Wasser und einer Zitronenscheibe darin. Wir wurden still, ohne dass wir einander dazu aufforderten. Wir hörten dem Regen und seinem immer stärker werdenden Klang zu.
Wie unsere Erde das brauchte. Die Tropfen prasselten auf den Boden, in die Beete und auf die verdorrte Wiese. Noch immer schwiegen wir. Abwechselnd schaute ich nach oben und sah, wie die Tropfen auf das Terrassendach fielen, und hinaus in die Weite. Ich blickte auf all das, was den Regen in sich aufnahm.
Ohne zu sprechen, nahmen wir alle diesen unvergleichlichen Duft wahr. Petrichor. Wir atmeten tief.
Piet war der Erste, der wieder sprach. „Gott sei Dank.“
Wir nickten dazu. Gerda, Lars, Hannes, Beate, Mel und ich. Ich weiß nicht, wer von uns an Gott glaubte oder diesem Gott dankte. Dennoch nickten wir alle.

Wortgewebe – 27

Akihi  


Akihi ist hawaiianisch und bezeichnet das Phänomen, einen gerade erklärten Weg bereits beim Losgehen wieder vergessen zu haben.

Akihi

Als ich nach dem Weg fragte
sagte man mir
Ich solle geradeaus gehen
dann links, rechts, links
am roten Haus abbiegen
der Kurve folgen
drei Kreuzungen dem linken Weg folgen
Dann vergaß ich alles
und verlief mich
wusste nicht mehr wo ich war
Ich beschloss der Nase nach zu gehen
und fand die schönsten Plätzte
geheime Wege
fand Brücken und Mirabellenbäume
Bänke und mich

Wortgewebe – 26

Ringxiety


Ringxiety kommt aus dem Englischen und meint das Gefühl, dass das Handy klingelt.

„Das gibt es doch nicht, verdammt!“, flucht er. Seit einer Viertelstunde sitzt er im Café vor seinem Cappuccino und hatte dreimal das Gefühl, dass sein Handy klingelte, das in seiner Hosentasche liegt. Er schaute darauf, nichts, es schwieg.
Er ärgert sich nicht über das Schweigen des Handys. Er ärgert sich über sich selbst und dieses Gefühl. Ein Gefühl, das seine Eltern und Großeltern nicht kannten. Ringxiety nennen die Menschen in England dieses Gefühl, das er lieber nicht hätte.
Als sein Cappuccino ausgetrunken ist, geht er zur Theke und bezahlt.
„Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?“, fragt er die Bedienung. „Darf ich mein Handy bitte eine Weile hier lassen? Ich habe vor, einen langen Spaziergang zu machen, und ich möchte mein Handy nicht dabei haben.“
Die Bedienung schaut erstaunt, nickt jedoch. „Ja, geben Sie es mir. Ich lege es hier hin.“ Und sie legt es in eine untere Schublade. „Bis 22 Uhr haben wir geöffnet.“
„Danke“, sagt er.
Als er hinausgeht, fühlt er sich befreit. Es liegen Stunden vor ihm, in denen er die Stadt erkunden wird. Stunden, in denen er mit dem Handy viele Fotos gemacht und kurze Nachrichten verschickt hätte. Er hätte seine Erlebnisse geteilt.
Nun wird er alle Eindrücke innerlich sammeln und sie nur mit sich teilen.
Es fühlt sich gut an, verdammt gut.
Und diesmal mag er dieses Schimpfwort.