Wortgewebe – 25

Culaccino

Culaccino ist italienisch und meint den ringförmigen Abdruck, den ein nasses Glas auf einem Tisch interlässt.

Draußen ist längst die Dunkelheit eines Sommerabends eingekehrt. Der Lappen liegt feucht in ihren Händen, sie geht damit zum Tisch. Ihr Blick fällt auf die ringförmigen Abdrücke, die die nassen Gläser hinterlassen haben. Nein, es stört sie nicht. Im Gegenteil. Sie lächelt leicht. Etwas so Einfaches, dass die meisten Länder sich nicht die Mühe machen, daraus ein Wort zu kreieren. In Italien gibt es ein Wort für diesen Abdruck. Culaccino. Sie lernte den Ausdruck kennen, als sie als Studentin ein Auslandssemester in Rom machte.
Das ist lange her. Heute zeigt ihre Hand Altersflecken und die Adern treten deutlich hervor. Sie setzt sich mit dem Lappen in der Hand an den Tisch und blickt auf die Spuren, die die Gläser machten. Es sind Spuren eines familiären Zusammenseins. Bis vor einer halben Stunde war dieser Raum gefüllt mit Lachen, lebhaften Gesprächen, hellen Kinderstimmen, dunkleren Erwachsenenstimmen. Wenn ihre Familie zusammenkommt, ist es laut, ihre erwachsenen Kinder und Schwiegerkinder unterbrechen sich oft beim Erzählen. Als seien sie voller Gedanken, die wie geschüttelte Sprudelflaschen übersprießen. Trotz der Lautstärke liebt sie diese Zusammenkünfte. Sie ist die, die dabei am wenigsten redet. Manchmal sitzt sie nur da und beobachtet ihre Familie. Dann ist sie dankbar, zufrieden und fühlt die Schönheit der Gemeinschaft.
Sie wischt die Abdrücke noch nicht ab. Mit dem Lappen in der Hand spürt sie dem Wochenende nach. Ihre Katze streicht um ihre Beine und blickt zu ihr hoch. „Na, wunderst du dich, dass es wieder so ruhig ist?“ richtet sie ihre Worte an die Katze.
Nun wird das Haus wieder leerer und stiller. Nur sie und die Katze. Doch das nächste Zusammentreffen wird kommen. Die Enkelkinder werden von Treffen zu Treffen größer werden, ihre erwachsenen Kinder werden graue Strähnen bekommen oder ihre Haare färben, sie wird mit ihnen allen älter werden. Sie wird weiterhin Lieblingsessen kochen, die Kinder werden den Nachtisch und Wein mitbringen. Sie bringen das Leben der Stadt mit. Manchmal wundert es sie, dass ihr kleines Haus nicht aus den Nähten platzt, dass es all die Stimmen und Gespräche aufnimmt, all diese Lebhaftigkeit.
Die Kinder räumten die Küche auf, sie halfen ihr. „Du brauchst nichts zu machen, setz dich“, sagten sie. Doch den Tisch vergaßen sie. Das macht nichts, gar nichts.
Irgendwann wischt sie mit dem Lappen über den Tisch. Das macht sie sehr langsam.

Wortgewebe – 24

Nefelibata

Nefelibata ist portugiesisch und meint jemand, der in den Wolken seiner eigenen Phantasie oder Träume lebt, ein „Wolkenwanderer“.

Einfach nur nach oben sehen. Der Himmel lädt ein. Ich erkenne viel. Nicht nur Schäfchen, da leben Trolle, Kobolde, Feen. Selbst die Zukunft tanzt darin. Und die Träume, meine ganzen Träume. Ich mag, dass die Phantasie frei ist. So frei, dass ich sie mit „Ph“ schreibe und nicht mit „F“ wie meine Lehrerin sagt, solle ich schreiben. Die Phantasie ist so frei, dass sie das wagt. Was ich gut finde.
„Lotte“, höre ich meine Mutter rufen. Sie will, dass ich wieder auf den Boden der Tatsachen komme. Doch der Boden ist hart, viel zu hart. Ich bin doch barfuß, warum versteht sie das nicht. Ich solle nicht so viel im Land meiner Träume sein, meint sie.
Will ich aber. Allen Lotte-Rufen zum Trotz. Da ist es gut und gerade weich genug. Ich weiß, was gut für mich ist. Das sagt etwas in mir, das drinnen wohnt. Dort, wo meine Mutter nicht hinkommen kann.
Träume sind viel echter, als sie denkt. Ich bleibe noch hier. Zumindest eine Weile. So lange wie eine Runde Gummitwist geht.
Ich war mal in Portugal. Da war es warm und schön. Ich pflückte Feigen von den Bäumen und stand auf Zehenspitzen, um viele zu erhaschen. Und Trauben und Orangen. Ich stelle mir vor, ich lebe da. In der Wolkenwelt geht das. Ich gehe am Strand entlang und hüpfe mit den Wellen. Meine Füße sind nass.
Meine Mutter denkt, das geht nicht, wenn ich hier im Trockenen stehe. Doch, es geht, ich fühle es genau. Nefelibata, ein schwieriges Wort. Doch ich habe es mir gemerkt. So nannten die Menschen es dort, wenn jemand in den Wolken seiner Träume lebt. Ich bin eine Wolkenwanderin. Ich wandere gerne hier.
Lass mich, lass mich noch eine Weile hier wandern. Das andere kommt früh genug, das sagt ihr Erwachsene doch immer.
Der Himmel hat nichts dagegen. Und der weiß viel, unendlich viel.

Wortgewebe – 23

Pisanzapra

Pisanzapra kommt aus dem Malaiischen und meint die Zeit, die es dauert, eine Banane zu essen – eine Art, einen kurzen Zeitraum zu beschreiben.

Lange sah ich ihn nicht mehr. Ich weiß nicht, ob er noch in meinen Gedanken war. Bewusst habe ich nicht an ihn gedacht. Doch innerlich wird er irgendwo gewohnt haben. So wie alle Menschen in uns leben, mit denen wir irgendwann Zeit verbracht haben.
Es war mitten in der Fußgängerzone. Er kam mir entgegen. Oder wir uns. Wir erkannten uns, als wir kurz voreinander waren und dieser Augenblick uns anhalten ließ. So voreinander stehend, sagten wir den Namen des anderen. Und umarmten uns. Es war eine tiefe Umarmung, die keine Worte benötigte. Erst dann blickten wir uns länger an. Wir nahmen das Ältergewordensein an uns wahr. Und zugleich das gebliebene Vertraute.
Es ist schön, dich zu sehen, sagte er. Jedes Wort sprach er langsam aus. Und ich sagte: Ja, es ist schön, dich zu sehen. Dabei legte ich meine Hand auf mein Herz. Das geschah nicht bewusst. Es geschah ganz von allein. Wir wechselten ein paar Sätze, die ausdrückten, dass wir uns über dieses überraschende Wiedersehen freuten. Wir überlegten nicht, ob und wann wir uns wiedersehen. Es war, als sei dieser Moment des Wiedersehens genug.
Zu Hause kochte ich mir einen Tee. Ich setzte mich damit auf die überdachte Terrasse, während es begann, leicht zu regnen. Ich ging diese kurze Begegnung noch einmal durch. Versuchte, sie erneut zu erleben. Wie lang hat die Begegnung gedauert, überlegte ich. Und mir fiel dieses malaiische Wort Pisanzapra ein. Den Zeitraum, den es braucht, eine Banane zu essen. So lange dauerte unser Wiedersehen. Was nicht unbedingt lange ist. Und doch war es, als sei es genauso gut und richtig.
Ich trank den Tee in kleinen Schlucken aus. Jetzt hörte auch der Regen auf. Seine Spuren auf dem Terrassendach und dem Rasen hinterlassend.
Ich ging hinein und deckte den Tisch für das Abendbrot. Die Blumen in der Tischmitte leuchteten.

Wortgewebe – 22

Firgun

Firgun kommt aus dem Hebräischen und meint die aufrichtige, neidfreie Freude über den Erfolg oder das Glück anderer.

Sie hat es geschafft. Ich kenne sie seit Langem. Sie und ihren tiefen Wunsch. Über Teetassen hinweg erzählte sie mir mehrmals davon. Manchmal auch über Kaffeetassen oder Gläser, gefüllt mit Rhabarberschorlen, hinweg. Bier mag sie nicht. Ich schon. Baileys mögen wir beide. Doch ich schweife ab.
Manchmal wurden ihre Augen dabei feucht und ich spürte, wie sehr sie hofft. Es gibt Wünsche, die lassen sich nicht wegdrängen. Die überdauern. Manchmal jahrelang. Vermutlich kennen wir es alle. So war es bei ihr.
Nun traf ich sie und wir saßen uns erneut gegenüber. Erst erzählte ich. Sie hörte zu, fragte an genau den richtigen Stellen nach und schaffte es, mir keinen Rat zu geben. Dann fragte ich, was es bei ihr Neues gäbe. Neues, als müsse es immer etwas Neues geben. Das muss es nicht, natürlich nicht, dennoch fragte ich sie so.
Und dann erzählte sie. Es gab tatsächlich Neues. Sie erzählte mir, dass ihr Wunsch wahr würde. Dieser tiefe, langgehegte Wunsch. Sie sagte das in einem ruhigen Tonfall, dennoch lachte alles in ihr dabei.
Ist das wahr?, fragte ich sie. Und sie nickte und nickte erneut.
Ich freute mich mit. Aufrichtig, ganz ohne Neid. Ohne Vergleich, ohne Bilanz. Firgun, wie es im Hebräischen heißt. Dieses Wort fiel mir ein, da ich es innerlich aufgehoben habe.
Es gibt Worte, die tragen Flügel, die schwirren, die tanzen. Dann gibt es Worte, die drücken, beschweren, dämpfen. Firgun ist eines der tanzenden Worte.
Wir saßen noch eine Weile dort. Ich glaube, wir wirkten jünger und leichter, als wir waren.
Als ich später nach Hause ging, wir uns zuvor verabschiedet hatten und sie in die eine, ich in die andere Richtung ging, dachte ich an Wünsche. Ich dachte daran, dass es manchmal gut ist, Wünsche aufzugeben, sie loszulassen, zu verabschieden. Und manchmal ist es gut, genau das nicht zu machen, sondern dranzubleiben, nicht aufzugeben, Wünsche ernst zu nehmen. Mit all dem Ernst und all der Liebe, die sie benötigen. Ich glaube, ich ging eine Spur langsamer als sonst, gleichzeitig entschlossener und leichtfüßiger.

Wortgewebe – 21

Ailyak

Ailyak kommt aus dem Bulgarischen und bedeutet die Kunst, alles langsam und ohne Eile zu tun, während man den Moment genießt.

Sie geht durch den Ort. Es ist ein für sie neuer Ort. Neue Orte zu erkunden, löst ein feines Kribbeln in ihr aus. Als zische buntes Brausepulver von innen. Nichts drängt sie. Mit wohltuender Ruhe schlendert sie durch die Gassen, bleibt mal hier, mal dort stehen. Staunt, beobachtet und lässt sich verzücken. Es gibt vieles zu entdecken. Läden, Haustüren, Fensterbänke, Gassen. Sie genießt das Hiersein. Den Augenblick. Der sie nicht weiter denken lässt. Ailyak. Eine Kunst, die die Menschen im bulgarischen Ort Plowdiw gut beherrschen. Sie war vor Jahren dort und lernte diese Kunst und das Wort kennen. Es lässt sich überall praktizieren, auch hier. Sie kehrt in ein Café ein. Trinkt den Tee mit all der Ruhe, die in ihr ist. Es riecht nach heißem Earl Grey und warmem Gebäck. Der Holztisch unter ihren Händen ist weich. Die drei Blumen auf dem Tisch passen zu ihrem Gefühl. Als der Tee aus ist, geht sie weiter. Wie es immer weiter geht. Sie weiß, dass sie morgen wieder auf die Uhr schauen wird. Doch heute, heute nicht.