Wortgewebe – 22

Firgun

Figrun kommt aus dem Hebräischen und meint die aufrichtige, neidfreie Freude über den Erfolg oder das Glück anderer.

Sie hat es geschafft. Ich kenne sie seit Langem. Sie und ihren tiefen Wunsch. Über Teetassen hinweg erzählte sie mir mehrmals davon. Manchmal auch über Kaffeetassen oder Gläser, gefüllt mit Rhabarberschorlen, hinweg. Bier mag sie nicht. Ich schon. Baileys mögen wir beide. Doch ich schweife ab.
Manchmal wurden ihre Augen dabei feucht und ich spürte, wie sehr sie hofft. Es gibt Wünsche, die lassen sich nicht wegdrängen. Die überdauern. Manchmal jahrelang. Vermutlich kennen wir es alle. So war es bei ihr.
Nun traf ich sie und wir saßen uns erneut gegenüber. Erst erzählte ich. Sie hörte zu, fragte an genau den richtigen Stellen nach und schaffte es, mir keinen Rat zu geben. Dann fragte ich, was es bei ihr Neues gäbe. Neues, als müsse es immer etwas Neues geben. Das muss es nicht, natürlich nicht, dennoch fragte ich sie so.
Und dann erzählte sie. Es gab tatsächlich Neues. Sie erzählte mir, dass ihr Wunsch wahr würde. Dieser tiefe, langgehegte Wunsch. Sie sagte das in einem ruhigen Tonfall, dennoch lachte alles in ihr dabei.
Ist das wahr?, fragte ich sie. Und sie nickte und nickte erneut.
Ich freute mich mit. Aufrichtig, ganz ohne Neid. Ohne Vergleich, ohne Bilanz. Firgun, wie es im Hebräischen heißt. Dieses Wort fiel mir ein, da ich es innerlich aufgehoben habe.
Es gibt Worte, die tragen Flügel, die schwirren, die tanzen. Dann gibt es Worte, die drücken, beschweren, dämpfen. Firgun ist eines der tanzenden Worte.
Wir saßen noch eine Weile dort. Ich glaube, wir wirkten jünger und leichter, als wir waren.
Als ich später nach Hause ging, wir uns zuvor verabschiedet hatten und sie in die eine, ich in die andere Richtung ging, dachte ich an Wünsche. Ich dachte daran, dass es manchmal gut ist, Wünsche aufzugeben, sie loszulassen, zu verabschieden. Und manchmal ist es gut, genau das nicht zu machen, sondern dranzubleiben, nicht aufzugeben, Wünsche ernst zu nehmen. Mit all dem Ernst und all der Liebe, die sie benötigen. Ich glaube, ich ging eine Spur langsamer als sonst, gleichzeitig entschlossener und leichtfüßiger.

Wortgewebe – 21

Ailyak

Ailyak kommt aus dem Bulgarischen und bedeutet die Kunst, alles langsam und ohne Eile zu tun, während man den Moment genießt.

Sie geht durch den Ort. Es ist ein für sie neuer Ort. Neue Orte zu erkunden, löst ein feines Kribbeln in ihr aus. Als zische buntes Brausepulver von innen. Nichts drängt sie. Mit wohltuender Ruhe schlendert sie durch die Gassen, bleibt mal hier, mal dort stehen. Staunt, beobachtet und lässt sich verzücken. Es gibt vieles zu entdecken. Läden, Haustüren, Fensterbänke, Gassen. Sie genießt das Hiersein. Den Augenblick. Der sie nicht weiter denken lässt. Ailyak. Eine Kunst, die die Menschen im bulgarischen Ort Plowdiw gut beherrschen. Sie war vor Jahren dort und lernte diese Kunst und das Wort kennen. Es lässt sich überall praktizieren, auch hier. Sie kehrt in ein Café ein. Trinkt den Tee mit all der Ruhe, die in ihr ist. Es riecht nach heißem Earl Grey und warmem Gebäck. Der Holztisch unter ihren Händen ist weich. Die drei Blumen auf dem Tisch passen zu ihrem Gefühl. Als der Tee aus ist, geht sie weiter. Wie es immer weiter geht. Sie weiß, dass sie morgen wieder auf die Uhr schauen wird. Doch heute, heute nicht.

Wortgewebe – 20

Boketto

Boketto ist Japanisch. Das Wort beschreibt einen Zustand, in dem jemand gedankenlos in die Ferne schaut, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.

Milder Wind umfing ihn. Er fühlte sich leicht. Das schaffte das Meer. Jedes Mal ging es ihm so. Er würde sich niemals sattsehen können an den Wellen, den Dünen und dem Spiel des Lichts. Er ging die Seebrücke entlang. Blieb stehen und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Gedankenlos, einfach nur existierend. Was sonst in seinem Kopf umherwanderte, verschwand. Als löse es sich auf.
Boketto nennen die Menschen in Japan diesen Zustand. Er kannte den Begriff, da er dieses Land liebte und die Sprache gelernt hatte. Doch hier dachte er nicht an Worte. Hier blickte er einfach und war.
Es tat ihm gut, keinen Fokus zu haben, kein Ziel, keine Absicht.
Später saß er bei einem warmen Sanddornsaft in einem Café.
Die Gedanken waren zurückgekehrt. Doch es wirkte nach, dieses heilsame Schauen vorhin auf der Brücke.

Wortgewebe – 19

Qarrtsiluni

Qarrtsiluni ist ein Begriff aus dem Inuit. Er beschreibt einen Zustand tiefer Stille, in dem Menschen gemeinsam ruhig sitzen und darauf warten, dass etwas entsteht oder aufbricht. Sinngemäss wird es etwa so übersetzt: „gemeinsamem stilles Warten“.

Qarrtsiluni

Mit euch
ruhig werden
Der Atem
weht langsamer
Warten
ohne Anspannung
Stille ist
ein grünes Feld
weit genug für das Kommende

Wortgewebe – 18

Glimpse

Das Wort Glimpse kommt aus dem Englischen und bedeutet ein sehr kurzer, oft zufälliger Blick auf etwas, das man nur für einen Moment sieht.

Glimpse
Im Vorbeigehen
entdecken
Oh rufen oder Ah denken
Das Unerwartete ist schön
wie das Leben selbst
Auch dann
wenn wir meinen
über allem liege ein Schleier
Verstecktes wartet
überall