Wortgewebe – 33

Pihentagyú

Pihentagyú kommt aus dem Ungarischen. Wörtlich kann es übersetzt werden mit „ausgeruhter Kopf“. Der Begriff wird jedoch meist benutzt, für jemanden, der ausgefallene und schräge Ideen hat.

Für sie sind die Wege nicht gerade

Sie geht Umwege

Flüstert und schreit

Wenn andere nicht weiter wollen

geht sie auf ungewöhnliche Weise voran

Legt bunte Spuren

Vögel und Menschen schauen ihr zu

pfeifen und schütteln den Kopf

Sie verschenkt Seifenblasen und Stärke

Ihre Worten sagen: Es geht

Noch mehr ihre Taten

Pihentagyú nennen wir sie

Sie malt ein Stück vom Paradies

Wortgewebe – 32

Dépaysement

Dépaysement kommt aus dem Französischen und meint das Gefühl, wenn man die vertraute Welt hinter sich lässt und irgendwo ganz anders neu eintaucht.

Das Gewohnte verlassen

Neu eintauchen

Für einen Tag oder eine Woche

Die Blumen singen anders

Ungewohnte Klänge

Dépaysement wohnt in der Luft

Wir breiten die Arme aus

Legen uns hinein

Sind Bäume und Reh

Meisen und Staude zugleich

Wir leben ungeschminkt

Unsere Füße finden Halt

Wortgewebe – 31

Uitwaaien

Uitwaaien kommt aus dem Niederländisch und meint: Nach draußen gehen, meist bei Wind, um den Kopf freizubekommen und sich geistig zu erfrischen.

Uuitwaaien

Wind
umspielt
die Haut
Tief atmen
Alles wird frei
Gedanken fließen
Als setze sich etwas
Anderes fliegt davon
Mit der Frische gehen
Sich entgegen

Wortgewebe – 30

Pochemuchka

Pochemuchka kommt auf dem Russischen und bezeichnet einen Menschen, der zu viele Fragen stellt.

Kann ein Pochemuchka eine Frage stellen, die älter ist als die Menschheit?
Wo ist der Wind Zuhause?
Ist Gelb langsamer als Rot?
Weiß der Igel, dass er Stacheln hat?
Ist deine Erinnerung wahr?
Wo bleibt der Moment stehen?
Sollen wir die Hoffnung nie verlieren?
Ist alles zu schnell?
Stimmt jemals alles?

Wortgewebe – 29

Tingo

Tingo – Rapa Nui (Osterinsel): Sich nach und nach Dinge von jemandem ausleihen, bis kaum noch etwas übrig ist.

Ihre neue Wohnung war leer. Keine unangenehme Leere. Sie mochte die Klarheit des Wenigen. Es schenkte ihr Luft zum Atmen.
Sie besuchte ihre Tante. Es war die Sorte von Tante, die ein Herz aus Gold hatte, überaus gastfreundlich war und in deren Haus viel herumstand. Es gab keine Ecke, in der es nichts zu bestaunen gab. Ihr Haus wirkte beinahe wie ein lebendiger Flohmarkt.
Ihre Tante hatte Kaffee und Kuchen bereitgestellt, und sie erzählten sich aus ihrem Leben. Was für ein schönes Tablett ihre Tante hatte. Nächste Woche würden ihre Freundinnen kommen, und es wäre praktisch, solch ein Tablett zu haben.
„Du, Tante Mina, kann ich mir das Tablett mal ausleihen?“
„Natürlich, meine Schöne. Nimm es gerne mit.“
Die Tante nannte sie immer schon die Schöne. Daran hatte sich nichts geändert. Als sie drei Jahre alt war, hatte das angefangen. Nun war sie 28, und sie blieb die Schöne.
„Und sag mal, diese kleinen Gläser, darf ich mir die auch borgen? Ich bekomme Besuch und habe keine Gläser.“
„Nimm sie gerne mit, meine Schöne.“
Nach drei Stunden hatten sie vier Tassen Kaffee getrunken, zwei Stück Kuchen gegessen und viele Gedanken miteinander geteilt. Sie verabschiedete sich mit einer wärmenden Umarmung und verließ das Haus mit dem Tablett, den Gläsern, Tellern, einer Kuchenplatte, einer Kuchenschaufel, einer Vase, zwei Bildern, einem Spiegel, einem Teppich, einem Radio, zwei Stühlen, einem Sessel und einem Hocker. Es passte alles in ihren kleinen Reisebus.
Zu Hause platzierte sie alles, stellte es noch einmal um, bis sie meinte, den richtigen Ort gefunden zu haben.
Sie ließ sich in den Sessel fallen und atmete tief aus.
Dann blickte sie sich um. Es war bunt um sie herum. Ihre Wohnung war voll. Was hatte sie gemacht?
„Tingo“, sagte sie leise zu sich selbst.
Vor einem Jahr hatte sie die Osterinsel besucht und dort dieses Wort kennengelernt. Dieses Wort und seine Bedeutung: sich nach und nach Dinge von jemandem auszuleihen, bis kaum noch etwas übrig bleibt.
Ihre Wohnung fühlte sich voll an, zu voll. Dabei schätzte sie doch die Klarheit der Leere.
Sie rief ihre Tante an.
Bevor sie etwas sagen konnte, lachte ihre Tante.
„Ich wusste, dass du anrufen würdest. Ich kenne dich doch und deinen Wunsch nach Klarheit.“
„Dann ahnst du bestimmt, was jetzt passiert. Ich möchte morgen vorbeikommen. Dann bringe ich dir die Sachen zurück.“
„Welche Sachen?“, fragte ihre Tante.
„Alle.“
„Schade“, sagte Tante Mina. „Ich hätte noch einen Schrank für dich.“
Und dann mussten beide lauthals lachen.