Wortgewebe – 7

Mono no aware

Dieser Ausdruck kommt aus dem Japanischen. Er beschreibt das bewusste, gefühlvolle Wahrnehmen der Vergänglichkeit des Lebens.

Der Wind weht in sein Gesicht und malt seine Wangen rot. Er mag den Winter und das Leben auf der Insel. Es ist, als erinnere diese Jahreszeit, dass die Welt Ruhe braucht. Innehalten, wie die Pflanzen, die in der schneebedeckten Erde ruhen. Das Grün wohnt darunter. Es ist tröstlich, darum zu wissen. Hoffnungsvoll.
Seine Schritte tragen ihn zum Leuchtturm. Wie könnte ein solches Gebäude nicht der Seele guttun? Seit einigen Tagen ist das Meer zugefroren. Das erleben sie selten auf der Insel, zuletzt vor fünfzehn Jahren. Das Meer sieht aus wie ein weites weißes Feld. Kaum vorstellbar, dass im Sommer hier blaues Wasser glitzert und Sand im Licht schimmert. Am Leuchtturm angekommen, bleibt er stehen und schaut. Ein paar Minuten lang nichts tun außer schauen.
Von der Meerseite her ist der Turm mit dickem Eis bedeckt. Was für ein Schauspiel der Natur. Es wird vielleicht noch eine Woche bleiben, dann soll Tauwetter kommen. Der unsagbar schöne Eisschnee wird sich verabschieden. Er wird verschwinden, täglich mehr. Mono no aware, denkt er. So nennen die Menschen in Japan das Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Vielleicht macht gerade das es so schön. Schönheit liegt nicht darin, festzuhalten. Sie liegt darin, den Augenblick zu erkennen, bevor er vergeht.

Wortgewebe – 6

Yūgen

Diese Wort kommt aus dem Japanischen. Yūgen bezeichnet ein tiefes, mystisches Empfinden für die verborgene und schwer in Worte zu fassende Schönheit des Universums.


Wind im Gepäck
Stilles Grün
Überall malt es sich ein
und spricht zu uns in Watte gehüllt
Die Schönheit des Universums
für die uns die Worte fehlt
Yūgen sagen die japanischen Menschen
Ein Gefühl, das in uns schaukelt
Schwerelose Dankbarkeit
Dem Himmel entgegenstaunen
Wie warmer Samt auf freier Haut

Wortgewebe – 5

Dolce far niente

Kommt aus dem Italienischen und heißt wörtlich übersetzt: „Das süße Nichtstun“. Sinngemäß bedeutet es: das Leben bewusst zu genießen und die kleinen, ruhigen Momente wertzuschätzen.


Das Café ist nur spärlich besucht. Die Kaffeetassen tragen Schönheit. Wie der Moment. Leise tönt Musik aus den Lautsprechern.
Nichts muss, denkt sie, während sie den ersten Schluck Kaffee nimmt.
Draußen zieht ein sanfter Winterhimmel über die Dächer. Hier drinnen ist es angenehm warm, ihre Schals haben sie abgelegt.
Ab und zu öffnet sich die Türe und Menschen treten ein, bringen ein wenig Kälte und Gespräche mit, manchmal ein Lachen. Menschen gehen wieder hinaus. Die Welt bewegt sich weiter. Natürlich macht sie das. Doch sie folgen ihr nicht. Heute nicht.
Sie sitzen dazwischen, losgelöst von messbarer Zeit oder Verpflichtungen. Tassen klirren leise.
Dolce far niente nennen die Italiener das. Das süße Nichtstun. Eine Süße, die nicht klebt.
Ihre Gedanken wandern nicht, sie ruhen. Es ist wie ein leises Ankommen. Momente, die rein gar nichts verlangen. Momente, die tragen.

Wortgewebe – 4

Gökotta

Das Wort kommt aus dem Schwedischen und bedeutet früh aufstehen, um Vögel zu hören.

Es ist keine Arbeit, die auf ihn wartet. Das klassische Arbeitsleben hat er hinter sich gelassen. Manchmal tauchen Erinnerungen daran auf, meist schöne. Dennoch genießt er seine jetzige Zeit als Pensionär. Er könnte bis mittags im Bett liegen bleiben. Dem Postboten nicht die Tür öffnen, nicht ans Telefon gehen, wenn seine Kinder anrufen. Doch er steht früh auf. Was er vor Jahren nicht mochte, liebt er nun. Vielleicht ist es die Freiwilligkeit, die darin liegt. Sein Wecker klingelt um 7 Uhr. Im Sommer bereits um 5.30 Uhr.  
Doch nun ist Winter und die Vögel machen sich erst später bemerkbar. Im Schlafanzug geht er die Treppe hinunter und setzt Teewasser auf.  Er zieht seinen Mantel an und bindet sich den Schal um. Mit der warmen Teetasse in seinen Händen und einer Decke unter dem Arm geht er hinaus. Seinen Terrassenstuhl rückt er zurecht und nimmt Platz, seine Beine legt er auf einen zweiten Stuhl und schlägt sorgfältig die Decke um sich. Er mag es, wie sein Atem Wolken in die Luft malt, der Tee zieht eine zweite Spur.
Was nun kommt ist die schönste Stunde seines Tages. Er beobachtet das Wachwerden der Vögel, die dem Sonnenaufgang zuvorkommen. Nur vereinzelt klingt Hundegebell oder ein weit entferntes Auto. Der Morgen schenkt viel Ruhe.
Signe hätte es auch geliebt, denkt er und in Gedanken taucht das Bild seiner Frau vor ihm auf. Gökotta, so hätte sie es in ihrer Sprache genannt, die er dank ihr ein wenig sprechen kann.
Er hört die Vögel, bevor er sie sieht, als spielen sie noch Verstecken. Die ersten Meisen huschen zwischen den Bäumen hin und her. Nach einigen Minuten besuchen sie den Futterplatz. Eine Kohlmeise pickt ein Korn und fliegt sofort weiter. Dann folgt eine Blaumeise, die länger verweilt. Aus dem Gebüsch ertönt das helle Zwitschern eines Rotkehlchens.
Er kennt die Gesänge der Vögel. Es war vor Jahren, als ihm bewusst wurde, dass er Sprachen, Technik und Geräte beherrschte, doch nichts von den Stimmen der Vögel in seinem Garten wusste. In der Buchhandlung bestellte er damals Fachbücher. Es dauerte, doch nun kann er die Vögel problemlos auseinanderhalten. Es erfreut ihn jedes Mal, wie eine kleine Genugtuung. Ich kenne euch oder auch Ich weiß, er du bist. Es wird lebendig an der Futterstelle.
Während er die Vögel beobachtet, trinkt er seinen Tee in kleinen, genüsslichen Schlucken. Weder den Vögeln noch ihm machen die kalten Temperaturen etwas aus.
Die Sonne kommt hervor und macht den Wintermorgen heller.
Eine Stunde dauert sein Morgenritual. Dann geht er hinein.
Es wird nicht egal sein, was die Nachrichten am Abend verkünden. Doch er weiß, dass dieser Tag seine Schönheit hatte.

Wortgewebe – 3

Ikigai

Dieses Wort kommt aus dem Japanischen. Es steht für den Sinn des Lebens und den Grund, morgens aufzustehen.

Ikigai

Das Blau des Himmels

Die klare Luft des Draußens

Das Verteilen der Milch im Cappuccino

Bunte Begegnungen

Verbundenheit atmen

Neue Wege gehen

Das weiche Fell der Katze fühlen

Sich selbst näherkommen

Luftsprünge wagen

Das wiederkehrende Rotkehlchen

Lieblingsecken finden

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