Inoskulation
Das Wort kommt aus dem Lateinischen, die beiden Teile „in“ und „osculari“ bedeuten zusammen so etwas wie „sich nach gegenüber küssen“. Inoskulation ist ein biologisches Phänomen und meint das Zusammenwachsen zweier nebeneinanderstehender Bäume.

Das milde Wetter lädt ihn ein. Er blickt nach oben und blinzelt in den blauen Himmel. Dieses Himmelblau ist eindeutig seine Lieblingsfarbe. Der nahende Frühling ist an solchen Tagen spürbar. Während er geht, hat er das Gefühl, dass er das Grau der Woche abstreift. Seine Woche trägt zu viel Grau: Kühle Büroräume, Kaffeemaschinen auf Fluren, beige Teppiche, die die Schritte dämpfen wollen. Der einzige Lichtblick diese Woche waren die Fotos auf seinem Handy, die Erik ihm schickte.
Erik, noch fühlt sich alles neu an.
Er atmet tief ein. Es ist, als atme alles in ihm die Farben der Natur ein. Immer wieder erstaunt es ihn, wie viele Grünfarben die Natur trägt. Mehr als wir der Farbe Namen geben. Es gibt so viel mehr als hellgrün, dunkelgrün, blaugrün, neongrün, mintgrün oder lindgrün. Mehr als grasgrün, olivgrün oder smaragdgrün.
Er sollte das jeden Tag machen. Das Grün der Natur und das Blau des Himmels einatmen. Wenn er hier ist, versteht er nicht, warum er dem nicht ausreichend Gewicht gibt.
Radfahrer überholen ihn und Kinder laufen an ihm vorbei. Paare und Familien kommen ihm entgegen. Die Menschen wirken gut gelaunt. Vielleicht ist es das frühlingshafte Wetter. Vielleicht auch sein eigener Blick.
Er wählt einen Weg, den er noch nie wählte. Vermutlich setze ich damit meinem Alltagstrott etwas entgegen, denkt er. Meine stille Rebellion. Bekannte Wege verlassen. Ich mache das viel zu selten.
Er geht in einen Park. Einzelne Bäume zeigen ihr Weiß in großer Wucht. Entfernt hört er Hundegebell. Er geht so, dass er auf Äste tritt. Das dabei entstehende Geräusch liebt er. Dieses Knacken.
Und dann sieht er sie. Zwei Bäume, die nebeneinander stehen und zusammengewachsen sind. Das rührt ihn an. Sie scheinen sich zu umarmen. Er erinnert sich an Rita, eine Freundin, die davon erzählte, dass man dieses Phänomen Inoskulation nennt. Er bleibt stehen und schaut.
Seine Hand streicht über die Stelle, an der die beiden Bäume zusammengewachsen sind. Die Bäume teilen Wasser, Nährstoffe, vermutlich sogar ein Stück Stabilität.
Vielleicht passiert genau das mit Erik und mir, denkt er. Langsam und stetig.













