Zimmerreisen – Das Andenken

Ich habe mich von www.puzzleblume.wordpress.com einladen lassen bei der Zimmerreise 01/2021 mitzumachen. Die Idee der Zimmerreisen finde ich wunderbar. In der jetzigen Zeit des Lockdowns sind wir alle vermutlich wenig unterwegs. Dennoch können wir reisen. Wir können eine Reise machen zu dem, was uns umgibt. Wir können unser Zimmer, unsere Wohnung, unser Haus, unseren Garten, unsere nahe Umgebung bereisen, dies alles mit wachen Augen betrachten und uns anregen lassen, zu hören, was die dortigen Gegenstände uns für Geschichten erzählen. Ich bin mir sicher, sie haben viel zu erzählen.

Ein gutes Interview mit dem Literaturwissenschaftler Bernd Stieger zu den Zimmerreisen könnt ihr hier hören:
Zimmerreisen: Warum wir für Reisen nicht zwingend unterwegs sein müssen (rnd.de)

Die erste Zimmerreise soll zu den Buchstaben A, B oder C sein.
Ich habe das A gewählt.

Und hier kommt meine Zimmerreise, mit dem Titel:

Das Andenken

Hallo, ich möchte mich gerne vorstellen.
Ich bin das Andenken. So heiße ich. Ich weiß, viele tragen meine Namen, doch das macht nichts. Wir sind dennoch alle einzigartig.
Schön, dass du mir zuhörst. Ich möchte dir ein wenig von mir erzählen.
Ich hänge an einer weißen Wand in einem Flur, in dem oft die Sonne hereinscheint. Fenster von oben und von der Seite lassen wärmendes Licht herein. Hier hänge ich gerne und zeige mich. Das ist eine schöne Mischung, abhängen, beobachten, sich präsentieren und Freude verschenken. So mag ich mein Leben. Ich sehe die Menschen, die hier wohnen, täglich gehen sie ein und aus. Ich sehe außerdem eine Katze, die hier lebt und dann sehe ich noch andere Menschen, die hier zu Besuch kommen. Ich glaube, es sind Freunde derer, die hier leben. In letzter Zeit sah ich sie weniger, doch sie werden eines Tages wieder häufiger kommen, da bin ich mir sicher.
Ich hing nicht immer hier. Mein erster Wohnort trägt den Namen Veli Losinj, das ist ein bunter Ort auf einer kleinen kroatischen Insel. Dort lebte ich in einem wunderschönen Atelier, das lichtdurchflutet und in seiner Einfachheit bezaubernd war. Eine Frau namens Nena hat mich erschaffen. Sie ist eine Künstlerin. Sie war es auch, die mir meine Farben schenkte. Du musst wissen, ich bin entstanden aus Treibgut. Einst war ich Holz, das im Meer umhertrieb. Die Wellen kamen und gingen und eines Tages trieben sie mich an Land. An einem milden Frühsommertag kam diese Frau den Strand entlang, sie sammelte Sachen, aus denen ich bestehe. Sie hob mich auf, betrachtete mich und legte mich in einen mitgebrachten Korb. So lernte ich ihr Atelier kennen. Viele schöne bunte Gegenstände hingen an ihren Wänden. Erst lag ich auf einer ausgebreiteten Decke auf dem Innenhof und die Maisonne trocknete mich. Als ich trocken war, kitzelte Nena mich mit ihrem Pinsel. Sie malte mich an. Blau und Gelb stehen mir, wie ich finde. Später setzte Nena mich zusammen und dann durfte ich dort hängen, wo die anderen Kunstwerke hingen. Denn das war ich nun, ein kleines Kunstwerk. So nannte Nena mich und die bewundernden Blicke der Besucherinnen und Besucher schienen dem Recht zu geben. Es war eine schöne Zeit. Ich hörte Stimmen in vielen Sprachen. Kinderaugen bestaunten mich und die Augen der Erwachsenen wurden weicher, wenn sie mich ansahen. Nena pflegte uns gut.
Eines Tages kam die Frau, in deren Haus ich nun lebe, in das Atelier. Sie kam mit ihrer Familie und auch sie gingen umher und betrachteten uns. Sie kamen mit Nena ins Gespräch und Nena erzählte von ihren Spaziergängen am Meer, bei denen sie das Treibgut sammelt. Bei mir blieben sie besonders lange stehen. Sie lächelten, als sie mich sahen. Sie wollten mir ein neues Zuhause schenken. So landete ich, in weiches Papier gehüllt, in dem Rucksack der Frau. Drei Wochen lag ich einpackt in einem Fach in einem rollenden Haus. Es war zwar ein wenig dunkel, doch gemütlich. Ich konnte die neuen Menschen mehr und mehr kennen lernen, indem ich sie zwar nicht sehen konnte, doch ich hörte sie durch den Schrank hindurch.
Irgendwann nach vielem Geschaukel, das mich ein wenig an meine Zeit im Meer denken ließ, kamen wir in dem Ort an, an dem ich nun lebe. Ich wurde in das Haus getragen, das nun mein Zuhause ist. „Unser Andenken“, sagte die Frau, als sie mich auspackte. Da wusste ich, dass ich ein richtiges Andenken bin. Das Wort mag ich, es trägt schöne Erinnerungen und einen Hauch Achtsamkeit. Andenken bin ich gerne. Bedeutet es doch, dass in mir Geschichten wohnen und ich wortlos an Erlebnisse erinnern kann. Das ist mein Zauber.
Nachdem ich an diese weiße Wand befestigt wurde, nahm die Frau den kleinen Stein und setzte ihn zu mir. Da fühlte ich mich so richtig vollkommen. Nachts, als die Familie schlief, fragte ich den kleinen Stein, wo er herkomme. Stell dir vor, auch er kam auch von dieser kleinen kroatischen Insel. Die Frau hatte ihn beim Spazieren am Strand entdeckt, dabei ist er so klein, dass er schon befürchtet hatte, er werde übersehen. Nun ist er immer bei mir und ich finde, wir passen wunderbar zusammen. Der Stein erinnert die Menschen an die Sonne, an das blaue Meer, an die Schönheit und Leichtigkeit der Insel, an Tage im Freien, an Luft, die in den Himmel malt.
Ich bin gerne ein Andenken. Ich glaube, die Menschen mögen mich, da ich sie daran erinnere, dass aus dem Wenigen etwas entstehen kann, dass ein Hinsehen lohnt und dass ein Hauch der Insel mitgetragen werden kann an jeden Ort der Welt. Wenn sie mich betrachten sind sie manchmal für einen Moment still. Dann ist mir, als hören wir den Klang der Wellen, die sagen, alles kommt, alles geht, alles kommt. Das sagen sie mit einer solchen Zuversicht, dass ich mein Gelb und Blau lächeln lasse.

Findesatz-Gedicht 8

Wir sagen uns am Abend
wenn der Tag müde wird
Für heute ist es genug
ich mache morgen weiter
Dann decken wir zu
was wir machten
Da darf es bleiben
und ruhen
und träumen in der milden Nacht
Unsere Hände
am Morgen
nehmen es
neu in die Hand
Wir stehen davor
und sehen
es ist gewachsen
Vieles geschieht
wenn wir
es lassen

Findesatz-Gedicht 7

Wir lassen uns überraschen
Vom Morgen
Vom Heute
Vom Leben
Wir haben die Fäden
nicht in der Hand
Unsere Pläne sind da
verworfen zu werden
Das Konzept steht
manchmal Kopf
Doch
an einem halten wir fest:
Wir lassen und überraschen

ABC-Etüde

Christiane hat zu den abc.etüden eingeladen, bei denen es gilt, 3 Begriffe in einen Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die Worte stammen diesmal von Ludwig Zeidler und lauten:

Zedermordio / weichmütig / backen

Und hier kommt meine Etüde:

Kaffeeduft strömt in ihre Nase. Mit der Tasse in der Hand geht sie auf die Terrasse. Sie mag es, am winterlichen Morgen warm eingepackt hier draußen zu sitzen, den Nebel im Garten aufsteigen zu sehen und den Tag so zu beginnen. Auch im Winter singen die Vögel, es ist ein sanftes Lied.
Sie schmiedet Pläne für das Heute. Sie werden frühstücken, später wird sie spazieren gehen, ihre Mutter anrufen und aus den Äpfeln, die in der Kiste im Keller liegen, wird sie einen Kuchen backen, sie werden den Kuchen essen und er wird sicherlich malen, während sie Sudokos löst und den weiteren Tag verstreichen lässt. Mehr nicht, das reicht für einen Samstag im Januar. Sie empfindet die Januartage als weichmütig. Ja, denkt sie, dieses Wort beschreibt es gut. Er ist sanft, weich, kommt leise daher und gleichzeitig ist er mutig, steht für all das Neue und das Kommende. Vielleicht mag sie deshalb diesen Monat so. Die Kaffeetasse wärmt ihre Hände. Sie entdeckt ein Rotkehlchen. Etwas ist an diesem Vogel, das sie froh macht und sie vermutet, es geht vielen Menschen so.
Während sie das Rotkehlchen beobachtet und die Ruhe genießt, tönt aus dem Haus ein Poltern. Kurz drauf hört sie sein Rufen: „Zedermordio!“ Sie kennt niemanden außer ihm, der dieses Wort benutzt. Auch das ist ein Grund, ihn zu lieben. Sie geht rein, um nachzusehen, was passiert ist. Er sitzt auf der unteren Treppenstufe und reibt sich sein Bein. „Ausgerutscht“, sagt er, doch sein schiefes Lächeln zeigt, dass es nicht so schlimm ist.
Viel später am Tag strömt der Geruch von Apfelkuchen durch das Haus, die Kaffeetasse mit einem kleinen Rest ist draußen vergessen worden und das Rotkehlchen sitzt in einem anderen Garten. Vielleicht ist es genau dazu da, um überall seine Freude zu verschenken.

Findesatz-Gedicht 6

Wir richten uns ein
in unserem Leben
Halten uns an Pläne
und aneinander
Leben, als wiegen wir uns in Sicherheit
Handeln mit Wünschen
Vertagen Träume auf Übermorgen
Dabei weiß unser Inneres es besser
Morgen kann alles ganz anders ein
Lass uns das Übermorgen
und Morgen
mitten hinein
in unser
Heute
legen
Lass es uns anmalen
mit Lieblingsstiften
gelb und rot und blau

Einladung zur Online-Lesung

Gerne teile ich hier die Einladung zur Online-Lesung mit Musik am Sonntag, den 24. Januar 2021 um 17 Uhr.

Diese Lesung mit eigenen Gedichten und Jazzgitarrenklängen wird online über Zoom stattfinden und ist kostenfrei. Inhaltlich wird es dabei um eine Reise durch die Monate und Jahreszeiten gehen.

Bei einer Anmeldung sende ich euch gerne den Zugangslink. Während der Veranstaltung könnt ihr mit oder ohne Bild zugeschaltet sein, ganz so, wie ihr mögt.

Liebe Grüße, Marion

Findesatz-Gedicht 5

Welchen Platz
habe ich
in der Welt
die so groß ist
dass ich mich beinahe
verliere
doch nur beinahe
denn
ich glaube
es findet letztlich
den richtigen Platz
auch ich
auch du
Die Welt
groß genug
und alles
findet
seinen Platz