ABC-Etüde

Christiane hat wieder zu den ABC-Etüden eingeladen. Die Wortspende kommt diesmal von Kain Schreiber, der den Blog  Gedankenflut betreibt. Wie immer gilt es 3 Begriffe in einem Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die 3 Wörter lauten:

Nachtlicht – lieblich – teilen.

Und hier kommt meine Etüde:

Der November lädt dazu ein, die Straße im Dunkeln entlang zu gehen. Die Taschenlampe bleibt im Flur, denn das Nachtlicht der Straßenlaternen reicht. Es ist ein gelbliches Licht, der Mond schenkt seinen weißen Schein von oben dazu. Sanfter Abendwind lässt einzelne Blätter hochfliegen. Wenn sie ihre Hand ausstreckt, kann sie seine fühlen. Um Wärme zu teilen, reicht eine Hand. Manchmal reicht ein Blick, auch hinter den Masken, die wir nun tragen. Lass uns nicht aufhören an das Morgen zu glauben, sagt sie in die Dämmerung hinein. Eines Tages werden wir auf offener Straße Umarmungen lieben wie nie zuvor. Sie wird die ganze Welt gut finden, in dem Moment, wenn ihr Lieblingslied erklingen und sie mitten unter vielen Menschen die Arme heben wird und jede Pore in ihr diese Klänge fühlen wird. Eines Tages stehen wir nahe an Unbekannten und sprechen miteinander ohne zwei Schritte zurück zu gehen. Doch noch ist November. Kein Grund, den Kopf gesenkt zu halten, sagt sie. Sie weiß nicht, ob sie es zu ihm oder zu sich selbst sagt. Vielleicht sagt sie es all den Blättern, die dort liegen und die vom Gestern sprechen. Auch jetzt will das Leben geliebt werden. Wir können das Laub atmen, Maronen im Backofen rösten, neue Bücher lesen und wohlriechenden Tee aus Lieblingstassen trinken. Wir können das Licht dieses Monats sehen. Es ist nicht grau, es trägt rot, orange und rosa, sieh doch, sagt sie. Auch Augen können umarmen. Sie machen es sanfter und lieblicher als unsere Hände es können. Auch jetzt ist die Welt da. Die Erde ist noch immer rund. Auch jetzt will die Welt geliebt werden. Auch jetzt spricht die Natur in ihrer unübersetzbaren schönen Sprache zu uns. Lass uns hineinfühlen, was dieser Monat uns schenkt.

ABC-Etüde

Christiane hat wieder zu den abc.etüden eingeladen, wie immer gilt es 3 Begriffe in einem Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die Worte stammen diesmal von Judith mit ihrem Blog Mutiger leben und lauten: Schmutzfink, fabelhaft, mopsen.

Hier kommt meine Etüde:

Er schlendert den Weg entlang. Sein Mantel schenkt ihm Wärme und seine Hände fühlen die Frische des Draußen. Das Geräusch des raschelnden Laubs mag er, so dass er keinen Bogen um die vom Wind angehäuften Blätterhaufen wählt, sondern mitten hinein geht. Ein kleines fabelhaftes Herbstkonzert für seine Ohren. Im Inneren applaudiert er.

Er sucht nicht den asphaltieren Weg der Straße, vielmehr laden die Wege am Rand ihn ein. Taunasses Grün zeigen die Grasbüschel. Die Blätter angemalt mit all den bunten Farben dieser Jahreszeit. Seine Schuhe sind nass und dreckig. Das macht ihm nichts. Er denkt an seine Eltern, die ihn vor vielen Jahren, als seine Füße noch in kleinen Schuhen steckten, niemals mit: „Wie siehst du denn aus?“ erschrocken begrüßten. Nie nannten sie ihn ‘Schmutzfink‘, wenn er an solchen Tagen heimkam, die Schuhe meist lehmverschmiert. Dies sei ein gutes Zeichen, pflegte seine Mutter zu sagen und sein Vater wusch die Schuhe im Keller sauber, während er in der warmen Badewanne lag. Heute macht er selbst seine Schuhe sauber. Das Naturnahe ist ihm geblieben. Gedanklich schickt er seinen Eltern ein ‘Danke‘. Er wünscht, er hätte es ihnen häufiger gesagt. Heute nehmen die Wolken seinen Dank auf. Das macht ihn nicht traurig, er fühlt sich verbunden mit dem, was war. Vielleicht ist es der Herbst, der ihm diese Zufriedenheit schenkt. Diesen Schimmer am frühen Abend gibt es nur zu dieser Zeit.

Weit entfernt sieht er das warme Licht in den Häusern. Hinter all diesen Fenstern lebt so viel Leben. Es wird geredet, geschwiegen, getröstet, gelacht und geweint. Abendbrottische werden gedeckt. Da wird eine Schwester ihrem Bruder die roteste Tomate vom Teller mopsen, wie seine Schwester es einst mit ihm machte. Da wird gebetet, dort wird aneinander vorbeigelebt. Und irgendwo wird gehofft und eine Hand der anderen gereicht, mitten in diesen Herbstabend hinein.

ABC-Etüden 47/48.2019

Etüde 2019_4748_2_300

Erneut habe ich mich von den ABC-Etüden einladen lassen. Christiane stellt alle zwei Wochen drei Begriffe in ihren Blog, die in maximal 300 Wörter verpackt werden sollen. Die Worte stammen diesmal von Bernd http://www.redskiesoverparadise.wordpress.com und lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen.

Hier meine Etüde dazu:

Der Herbst lädt ein, sich dem Inneren zuzuwenden. Während die Blätter bei jedem Windstoß tanzen, ruft etwas in uns danach, ruhige Schritte zu gehen. Wenn wir anhalten, spüren wir all das was um uns ist besonders klar. Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm und vorwärts, rückwärts, seitwärts, stopp. Jemand erfindet ein Lied und es klingt über Generationen hinweg.
Das Blau des Himmels trägt einen sanften Klang. Die kahler werdenden Äste sprechen von Vergänglichem. Kein Grund für Schwarz. Das Draußen zeigt es uns: Gelb, Grün, Orange und Rot in allen Schattierungen. Es ist, als habe sich der Malkasten in diese Zeit geschüttet. Manchmal geht Sattsehen nicht. Wenn wir nachts die Augen schließen, öffnen wir sie am nächsten Morgen, um die Farbpalette zu sehen, die sich gewandelt hat, kaum merklich.
Ein heruntergefallener Ast liegt schwermütig auf dem feuchten Gras im Park. Es braucht nur ein vorbeigehendes Kind, das ihn aufhebt und als Stock benutzt. Als Spazierstock, Pferd, Blätterdurchwirbler, alles ist möglich und die Fantasie ist frei.
Pilze und Flechten zeichnen Muster auf Äste. Die Welt lädt zum Hinsehen ein. Staunen ist alterslos. An den Jahreszeiten vorbeileben scheint unmöglich. Wir haben Hand, Fuß, Kopf, Bauch und Sinne, die vor allem.
Wiederkehrende Gefühle tauchen in dieser Zeit auf. Das Denken an Menschen, die in Unbehaustheit leben, hier oder anderswo, unsere Welt ist groß. Währenddessen ziehen wir die Mützen tiefer und wissen, dass wir gleich von der Wärme eines Zimmers empfangen werden. Von der eigenen Wärme abgeben, auch hier ist die Fantasie frei.
Der Herbst mag die Stille. Ein Vogelruf erinnert uns an den Sommer. Wir schauen hoch, als wollten wir mit ihm noch einmal das Gefühl des Sommers erhaschen. In jedem Herbst liegt der zurückliegende Sommer. Ohne Winter kein Frühling. Es ist einfach. Die Jahreszeiten reichen sich die Hand. Keine lebt für sich allein.

abc-Etüden 45/46.2019

Etüden Nov

Ich habe mich von den ABC-Etüden einladen lassen. Christiane stellt alle zwei Wochen drei Begriffe in ihren Blog, die in maximal 300 Wörter verpackt werden sollen. Die Worte stammen diesmal von Anna-Lena https://visitenkartemyblog.wordpress.com und lauten: Himmelsleuchten, recycelbar, ausreisen.

Hier kommt meine Etüde:

Sie geht die Straße entlang. Die kühle Novemberluft malt ihre Wangen rosig. Sie mag das Geräusch des Laubs unter ihren Füßen. Das Zersplittern der Blätter und die sanfte Schönheit des Vergänglichen. Fast ist es, als lösen sich die Blätter auf. Was eine wunderbar recycelbare Natur, denkt sie. Hier lernen wir, wie Leben geht. Wie Leben nicht stillsteht und doch das Leise liebt. Im aufsteigenden Nebel des Morgens spürt sie, wie nah sich Himmel und Erde sind. Die Luft füllt ihre Lungen mit Erwachen. Es ist, als atme sie die Herbstfarben mit ein. Kleine Streifen zeigen sich am Horizont. Der Himmel tuscht sich rötlich und verändert seine Formen. Das Christkind backt, sagten ihre Tanten früher zu ihr, wenn sich dieses Himmelsleuchten zeigte. Auch sie sagte diesen Satz zu ihren Kindern. Sie trägt den Satz noch heute in sich. Es gibt Sätze, die wohnen in uns. Eingepflanzt von Menschen die uns umgeben, nisten sich ein und leben mit uns. Es gibt Sätze, die sind leicht und tragen viel Gewicht. Ein Gewicht, mit dem wir gut durchs Leben tanzen können. Sie heben uns auf, wenn wir stolpern, greifen uns unter die Arme und heben den Blick. Ihr Atmen wirft Wölkchen. In ihrer Manteltasche fühlt sie die Glätte einer aufgehobenen Rosskastanie. Lange wird sie diese Kastanie mit sich tragen, das ahnt sie. Sie wird sie fühlen wenn sie auf den Bus wartet, an einer Kasse ansteht oder wie nun spazieren geht. Sie mag ihre Mütze und die Wärme des Schals. Eine Hängematte am Strand wäre eine Alternative, versprach ihr ein Zettel im Briefkasten. Dem Alltag entfliehen. Der wiederkehrenden Kühle des Novembers. Blaues Wasser, weißer endlos scheinender Strand. Das alles auf Hochglanz. Nein, sie möchte nicht ausreisen. Sie möchte genau dort sein, wo sie nun ist, mit genau dem Knirschen unter ihren Füßen.