abc-Etüden 45/46.2019

Etüden Nov

Ich habe mich von den ABC-Etüden einladen lassen. Christiane stellt alle zwei Wochen drei Begriffe in ihren Blog, die in maximal 300 Wörter verpackt werden sollen. Die Worte stammen diesmal von Anna-Lena https://visitenkartemyblog.wordpress.com und lauten: Himmelsleuchten, recycelbar, ausreisen.

Hier kommt meine Etüde:

Sie geht die Straße entlang. Die kühle Novemberluft malt ihre Wangen rosig. Sie mag das Geräusch des Laubs unter ihren Füßen. Das Zersplittern der Blätter und die sanfte Schönheit des Vergänglichen. Fast ist es, als lösen sich die Blätter auf. Was eine wunderbar recycelbare Natur, denkt sie. Hier lernen wir, wie Leben geht. Wie Leben nicht stillsteht und doch das Leise liebt. Im aufsteigenden Nebel des Morgens spürt sie, wie nah sich Himmel und Erde sind. Die Luft füllt ihre Lungen mit Erwachen. Es ist, als atme sie die Herbstfarben mit ein. Kleine Streifen zeigen sich am Horizont. Der Himmel tuscht sich rötlich und verändert seine Formen. Das Christkind backt, sagten ihre Tanten früher zu ihr, wenn sich dieses Himmelleuchten zeigte. Auch sie sagte diesen Satz zu ihren Kindern. Sie trägt den Satz noch heute in sich. Es gibt Sätze, die wohnen in uns. Eingepflanzt von Menschen die uns umgeben, nisten sich ein und leben mit uns. Es gibt Sätze, die sind leicht und tragen viel Gewicht. Ein Gewicht, mit dem wir gut durchs Leben tanzen können. Sie heben uns auf, wenn wir stolpern, greifen uns unter die Arme und heben den Blick. Ihr Atmen wirft Wölkchen. In ihrer Manteltasche fühlt sie die Glätte einer aufgehobenen Rosskastanie. Lange wird sie diese Kastanie mit sich tragen, das ahnt sie. Sie wird sie fühlen wenn sie auf den Bus wartet, an einer Kasse ansteht oder wie nun spazieren geht. Sie mag ihre Mütze und die Wärme des Schals. Eine Hängematte am Strand wäre eine Alternative, versprach ihr ein Zettel im Briefkasten. Dem Alltag entfliehen. Der wiederkehrenden Kühle des Novembers. Blaues Wasser, weißer endlos scheinender Strand. Das alles auf Hochglanz. Nein, sie möchte nicht ausreisen. Sie möchte genau dort sein, wo sie nun ist, mit genau dem Knirschen unter ihren Füßen.

5. November

Herbstlaub

Die Farben des Draußen laden ein
Blätterrascheln
Dorthin gehen wo Fragenzeichen wohnen
Und ein Stern am Tag sein
Sich was zusammenreimen
Herbstäpfel schmecken
Den Steinen nicht aus dem Weg gehen
Und der Katze folgen
Die Richtung wechseln
Papierflieger basteln
Sich krumm lachen, wenn kein Papier in der Manteltasche steckt
Und den höchsten Berg suchen
Beide Arme ausstrecken
Einen Satz in die Welt hinausrufen
Dem Geheimnis der Walnuss auf die Spur kommen
und die Letzte sein
die zum Abendbrot heim kommt

17. September

Rose September

Bald reichen Jahreszeiten einander die Hand
Im Herbst werden all die zurückliegenden Sommerwochen wohnen
Noch schweigen die Socken in den Schubladen
Spätsommerwochen, ein Wort, das sie mag
Als ob in diesen fünf Silben Dankbarkeit wohnt
und gleichzeitig die Bereitschaft loszulassen
Als zeige dieses Wort, wie schön und vergänglich das Leben ist
Ob die Katze zu ihren Füßen weiß, dass der Herbst naht?
Hört sie die Luft am Morgen davon sprechen?
Spinnfäden mischen sich mit dem Spiel der Septembersonne
Aus dem Nachbarhaus hört sie Klavierklänge
auch sie verklingen
Wärme legt sich auf ihre Haut
und Rosen blühen sich dem Leben entgegen

 

Geschriebenes – Zum Herbst

Blätter Herbst

Momente die fühlen lassen
dass der Herbst uns umweht
Nicht wissend wo er sich gestern versteckte
zeigt er sich heute mit seinen Gerüchen
Als singe er die schönsten Lieder sich selbst
Farben reich an Tanz und Sinnlichkeit
Frisch vom Baum gefallene Wallnüsse
schenken sich in dieser Zeit
Sie zu knacken ein Vergnügen
Gegenüber ziehen Nachbarn ein
beginnen ein neues Leben
ohne das alte loszulassen
Milde Luft lässt tief atmen
Kraniche wecken Sehnsucht und ein Lächeln
Es wird alles gut
Ein Satz
den die Eltern früher sprachen
und der noch immer in uns wohnen will
Der Tag folgt einem Bogen
und das Leben macht es ihm nach

28. November

„Hier ist gerade so ein großer Blätterhaufen, da würde ich voll gerne reinspringen, aber ich habe Angst, dass da ein Tier drunter ist, wirklich, der ist fast so groß wie ich.“

blatter