Wortgewebe – 14

Saudade

Saudade kommt aus dem Portugiesischen. Es bedeutet ein tiefes Gefühl von Sehnsucht oder Nostalgie, oft für etwas oder jemanden, der oder die fehlt.

Ben war in der Stadt unterwegs. Er wollte schnell etwas einkaufen und ging mit großen Schritten. Das gute Wetter lockte viele Menschen hinaus. Manchmal musste er entgegenkommenden Gruppen ausweichen. Er hatte nicht viel Zeit. Gleich würde der Laden schließen. Seine Freunde würden in einer knappen Stunde bei ihm sein. Ihm blieb nicht viel Zeit, das versprochene Essen zuzubereiten.
Es wehte ihm entgegen. Mitten in der belebten Fußgängerzone. Für einen Moment blieb er stehen. Genau so hatte sie gerochen. Es war ihr Duft. Jahre war es her. Ein wenig Sandelholz, einen Hauch Bergamotte und ein wenig Orange. Er schloss die Augen. Der Geruch hatte sich verflüchtigt, doch er blieb in ihm.
Er vermisste sie. Doch nicht nur das. Er erinnerte sich an sie. Es war etwas dazwischen. Etwas Schweres und Schönes zugleich.
Er spürte die abendliche Sonne auf seinen geschlossenen Lidern und auf seiner Haut.
Wie ein Duft in Sekunden Bilder hervorruft. Er sah ihr Lachen vor sich, die Sprenkel in ihren grünen Augen, ihre Nase, die sie immer als zu groß bezeichnete und die vielen braunen kleinen Sommersprossen in ihrem Gesicht und auf ihren Schultern, ihre dunklen Locken.
Er kleidete seine Gefühle gerne in Worte. Das machte sie greifbarer. Doch in seiner Sprache gab es kein Wort dafür. In ihrer schon: Saudade.
Heute Abend würde er portugiesisch kochen.

Findesatz-Gedicht 104

Wir tragen Körbe
Äpfel, Saft und Möhren schauen heraus
Wir tragen Handtaschen
verborgen ein kleiner Spiegel, ein Lippenstift und ein Portemonnaie
ein Ausweis, der uns weismacht, wir könnten Fremden davon erzählen, wer wir sind
Wir tragen Erinnerungen
auf der Haut und im Herzen
Das was man im Herzen trägt
kann einem niemand mehr nehmen
Das Herz und sein ureigener Rhythmus begleitet uns
bis es nicht mehr schlägt
Eines Tages werden all diese Erinnerungen mit uns ruhen
Die Äpfel werden längst gegessen
der Lippenstift nur noch ein Rest sein
der Ausweis kümmert uns nicht mehr
Das aus dem Herzen weht sich mit uns fort

27. August

Skulptur O

Sie mag den Nachklang der Ferienzeit.
Das Ankommen Zuhause.
Vom Schnurren der Katze begrüßen lassen.
Der erste Gang durch den Garten
und die Zimmer des Hauses neu erkunden.
Der sanfte Übergang zwischen Urlaub und Alltag.
Urlaubspost durchsehen, alle anderen Briefe noch ungeöffnet lassen.
Auch der Garten hat sich verändert.
Nie steht das Leben still.
Die Äpfel rot, die Blumen lila, der Klee weit.
Milde Sonnenstrahlen spüren.
Vertraute Geräusche aufnehmen,
Glockenklang, das entfernte Rufen einer Kuh und der Wind in der Kastanie.
Plätze im Haus für die gesammelten Souvenirs suchen
und an den fernen Ort und seine Gerüche denken.
Wir nehmen immer etwas mit.
Jeder Ort trägt seine eigene Melodie.
Hinhören. Nachspüren. Summen.
Dort wie hier.