Wortgewebe – 7

Mono no aware

Dieser Ausdruck kommt aus dem Japanischen. Er beschreibt das bewusste, gefühlvolle Wahrnehmen der Vergänglichkeit des Lebens.

Der Wind weht in sein Gesicht und malt seine Wangen rot. Er mag den Winter und das Leben auf der Insel. Es ist, als erinnere diese Jahreszeit, dass die Welt Ruhe braucht. Innehalten, wie die Pflanzen, die in der schneebedeckten Erde ruhen. Das Grün wohnt darunter. Es ist tröstlich, darum zu wissen. Hoffnungsvoll.
Seine Schritte tragen ihn zum Leuchtturm. Wie könnte ein solches Gebäude nicht der Seele guttun? Seit einigen Tagen ist das Meer zugefroren. Das erleben sie selten auf der Insel, zuletzt vor fünfzehn Jahren. Das Meer sieht aus wie ein weites weißes Feld. Kaum vorstellbar, dass im Sommer hier blaues Wasser glitzert und Sand im Licht schimmert. Am Leuchtturm angekommen, bleibt er stehen und schaut. Ein paar Minuten lang nichts tun außer schauen.
Von der Meerseite her ist der Turm mit dickem Eis bedeckt. Was für ein Schauspiel der Natur. Es wird vielleicht noch eine Woche bleiben, dann soll Tauwetter kommen. Der unsagbar schöne Eisschnee wird sich verabschieden. Er wird verschwinden, täglich mehr. Mono no aware, denkt er. So nennen die Menschen in Japan das Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Vielleicht macht gerade das es so schön. Schönheit liegt nicht darin, festzuhalten. Sie liegt darin, den Augenblick zu erkennen, bevor er vergeht.

18. August – Findesatz-Gedicht

Ich hätte gerne das Funkeln des Tautropfens am Morgen auf meinen Zehen
Ich hätte gerne den flüchtigen Moment des Tanzes in all seiner Freiheit eingefangen
Ich hätte gerne diesen einen Tag in meinem Leben noch einmal
Ich hätte gerne all die verloren gegangenen Socken wieder
Ich hätte gerne drei Essensvorschläge die den Kochlöffel Farben malen lassen
Ich hätte gerne den Augenblick, wie er daliegt und einfach nur ist
Ich habe den Augenblick, immer und immer und immer wieder

4. Juni – Findesatz-Gedicht

Die Sterne schulden uns nichts
wie könnten sie
Wir sehen ihrem Leuchten zu
fühlen uns ohnmächtig und emporgehoben zugleich
Sie sprechen mit uns
doch wir verstehen ihre Sprache nicht
In einigen Momenten fühlen wir
was sie uns sagen
doch eh wir es fassen
ist der Augenblick vorbei
Eine unfassbare Ahnung bleibt

19. Mai Findesatz-Gedicht

Wir wissen nicht was morgen oder in einer Woche ist
weder was der nächste Monat
noch das nächste Jahr zeigen wird
Doch wir haben den Augenblick
Wir haben das Momentum auf unserer Seite
Das ist viel
So viel dass es reicht
sich ganz hineinzulegen
in das Heute