Findesatz-Gedicht 116

Es ist so still hier

so war es früher überall

Dann kamen wir

schufen Licht zwischen Bäumen

erfanden Maschinen

die Vogelstimmen übertönten

Seitdem dringen tagtäglich Geräusche in unsere Ohrmuscheln

treffen Lichtmuster unsere Netzhaut

Manche von uns gehen ins Kloster für eine Woche oder drei Tage

um dem Schweigen zu lauschen

Wenn wir den Sternenhimmel sehen

weil der Strom ausfällt

freuen wir uns über Schnuppen

Wir schließen die Augen und wünschen uns was

Ich wünsche mir

ein bisschen mehr Weniger

um zu hören

den Wind in den Weiden

die Flügel der Libelle

den eigenen Herzschlag

Findesatz-Gedicht 114

Wie viele Entscheidungen treffen wir an einem Tag
Nie zählte ich sie
Es werden viele sein
Es ist eine Kunst, Entscheidungen zu treffen
Tragen wir unser Ja und unser Nein in die Welt
Wir dürfen wählen
Lass uns das klar und hell machen
Egal wie es ausgeht
Lass uns unsere Krummheiten anlachen
Dem Perfekten nicht nachlaufen
Unsere Schritte gehen
einen nach dem anderen

Findesatz-Gedicht 113

Wir wissen es nicht als Kind
wenn wir im Sand spielen oder im Wald
oder mit den Farbstiften das Blatt ausfüllen
Doch irgendwann trifft uns die Erkenntnis
Die Endlichkeit des Lebens
Dann ringen wir nach Luft
Finden es unbegreiflich
und es integriert sich in unser Leben
auf stille Weise
Manchmal vergessen wir es
dann fühlen wir es
und manchmal erscheint alles leicht
Diese Erkenntnis
die lautlos in uns wohnt
lädt ein das Leben zu füllen
mit all dem was uns wertvoll ist
und was uns sinnig unsinnig ist
Zurechtzurücken und zu runden
Die Fäden zu spinnen
All die geschenkten Tage und Nächte zu gestalten
ihnen ein Gewand zu geben
Zu tanzen und zu lieben
Das Viel und das Wenige zu pflegen
Träumen ein Gesicht zu geben
Morgen nicht ins Übermorgen zu verstecken
Trauen wonach der Mut ruft
Die wenigstens Menschen sagen am Ende ihres Lebens
Ich habe zuviel ausprobiert

Findesatz-Gedicht 112

Ich möchte gerne im Wald sitzen
und zwei Stunden lang nur die Bäume anschauen
Ich glaube
dann kommt meine Seele zur Ruhe
mein Kopf und mein Bauch
Ich glaube
dann atme ich durch
tief und in alle Poren gehend
Ich glaube
dann will ich nichts anderes
als dort zu sitzen, zu sehen und zu atmen
Ich glaube
dann fühle ich Ruhe und das Eingebunden sein
im Kreislauf des Lebens
Ich glaube
dann ahne ich den Zusammenhang
von all den versteckten Fäden
Ich glaube
dann verzeihe ich mir ohne Worte
all das was ich machte und all das was ich nicht machte
Ich glaube
das würde heilen
und Pflaster auf alle Schmerzen malen
Ich glaube
dann würde ich mit leichten Schritten aufstehen
und ein festes Blatt im Wind sein