Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse besuchte ich letzten Freitag die ARD-Radiokulturnacht der Bücher im hr-Sendesaal. Gerne berichte ich davon.
Es ist eine Veranstaltung, die ich sehr mag. In schöner und entspannter Atmosphäre werden aktuelle Neuerscheinungen vorgestellt.
Die Moderatorin Catherine Mundt und der Moderator Christoph Schröder führten durch den Abend:

Dörte Hansen sprach zu ihrem Buch „Broder“.
Ein Motiv, das sich in dem Roman findet, ist das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. „Wir haben ein bizarres Verhältnis zu Tieren. Wir lieben unsere Katzen, fragen aber nicht nach, was im Katzenfutter drin ist. Wir bedauern einen sterbenden Wal und bestellen eine Currywurst“, so Dörte Hansen in dem guten Gespräch. Die Figuren in ihrem Buch zeigen eine große Resilienz.

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel stellten ihr Buch „Die Empörungsfalle. Wie wir wieder streiten lernen“ vor. Ein gutes Gespräch darüber, wie wir wieder demokratisch streiten lernen.

Dann erlebten wir in einem humorvollen Gespräch Sven Regener zu seinem Buch „Frankie und Freddie“. Ein Buch über Konkurrenz und Liebe zwischen zwei Brüdern.

Michaela Benthaus sprach zu ihrem Buch „Zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit“. Michaela Benthaus hatte einen Traum: Sie wollte ins All. Seit einem schweren Mountainbike-Unfall ist sie querschnittsgelähmt. Dennoch ist es ihr gelungen, als erste Frau mit Behinderung ins All zu fliegen. Sie sagte während des Gesprächs, wie wichtig es sein, „an seine Träume zu glauben, egal, wie unerreichbar sie scheinen.“
„Warum kein Traum zu groß sein sollte, darüber schreibt Michaela Benthaus berührend“, so die Moderatorin Catherine Mund.

Dann erlebten wir Christoph Kramer zu seinem Buch „Wolkenberührpunkt“. Ein amüsantes Detail: Die Hauptfigur seinen Romans heißt Roman. Es ist ein Roman über zwei auf den ersten Blick unterschiedliche Männer und darüber, was das Leben ausmacht. Auch dies war ein Gespräch voller Humor. „Ich wollte ein Buch schreiben über ein Leben, das nicht so einfach ist, wie mein eigenes. Und ja, da ist mir gut gelungen“, so Christoph Kramer mit Augenzwinkern. Er gestand, dass er – wenn er sein Buch im Buchhandel sehe – es so verrücke, dass es gesehen werden kann.

Auch auf den nächsten Gast freute ich mich sehr. Der Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif sprach zu seinem Buch „Wasser. Das bedrohte Element“. Er plädiert sehr dafür, dass die Politik das Thema ernst nehme. „Wirtschaft kann sich nicht immer durchsetzen, dann zerstören wir unsere Lebensgrundlage“, so Mojib Latif. Sein Buch ist ein deutlicher Appell, dass wir auf die Bremse treten und Wasser als das erachten, was es ist: Ein kostbares Gut, das wir nicht verschwenden sollten.

Diese Künstlerin kannte ich noch nicht: Kinga Tóth, eine Lyrikerin und Performancekünstlerin. Solltet ihr die Möglichkeit haben, sie einmal live zu erleben, empfehle ich euch, hinzugehen. Die Art wie sie ihre Lyrik vortrug, was sehr mitnehmend. Mal sprechend, dann flüsternd, dann singend. „Es ist schön, dass Sie alle Literatur lieben und so viele hier sind! Und das jeden Tag hier auf der Buchmesse“, sagte sie begeistert.

Caroline Wahl wurde zu ihrem aktuellen Roman „1999 Meter über dem Meer“ interviewt. Auf die Frage, was sie aus ihrem Roman mitnehme, sagte sie, sie sei „mutiger geworden, wie Samar, die Protagonistin.“

Der Abend war in vier Blöcke aufgeteilt und nach jedem Block erlebten wir das hervorragende Tom Schlüter Quartett:

Auch dieses Buch halte ich für sehr lesenswert: „Deutschland 2033. Ein Szenario“ von Justus Bender. Es sei die „profundeste Analyse über eine AfD Regierung“, so der Moderator.

Das Buch „Unsere Väter“ haben die Journalistinnen, Aktivistinnen und Filmemacherinnen Natalie Amiri, Minu Barati, Shila Behjat und Düzen Tekkal – die allesamt Freundinnen sind – gemeinsam geschrieben.
Natalie Amiri und Minu Barati waren an diesem Abend zu Gast. In dem Buch erzählen sie von ihren Vätern, die sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut haben, und von ihren Vater-Beziehungen.
Ein weiteres wichtiges Buch, ein gutes Gespräch und berührende Momente, etwa als die Autorin eine emotionale SMS eines Vaters vorlas.
Ein Satz während des Gesprächs: „Ich kann nur jedem mitgeben: Stellen Sie Ihren Eltern Fragen, solange Sie sie noch stellen können.“

Ingo Schule sprach zu seinem Buch „Das Wasser im August“. Der Protagonist reist nach Mecklenburg zurück und begegnet seiner Vergangenheit und denkt über Liebe und Zukunftsängste nach.

Tülin Sezgin sprach zu ihrem Buch „ALMANCI-Mädchen. Wie ich mir Deutschsein beigebracht habe“. Sie erzählte, dass das Leben zwischen deutscher und türkischer Realität häufig anstrengend sei und eine Zerrissenheit für sie bedeute. Sie blättere keine der beiden Seiten ab, nur, um es jemanden recht zu machen.
Ein Buch in dem Humor auftaucht und ebenso Verletzungen spürbar sind, da die Autorin sich nie ganz dazugehörig fühlte.
Sie las die Endpassage des Buches vor.

Auf der Buchmesse hatte ich sie bereits erlebt und heute Abend erneut. Die sympathische Shida Bazyar zu ihrem Buch „Die Lücken“, das den Deutschen Buchpreis 2026 erhalten hat. Es ist ein Roman über die Fundamente unserer Heimat. Das Buch erzählt anhand eines Dorfes, wie verdrängte NS-Vergangenheit, das Schweigen der Schuld und die Fluchtgeschichten iranischer Familien die Frage prägen, wem Heimat gehört und wer dazugehören darf. Eines der Bücher, die ich anschließend erwarb.

Zu später Stunde erlebten wir ein tolles, humorvolles Gespräch mit Jaroslav Rudiš zu seinem Roman „Wo die Toten sprechen“. Der Roman erzählt von drei Freunden, die durch Europa zu Friedhöfen reisen und dabei entdecken, wie sehr die Vergangenheit, Familiengeheimnisse und die Geschichte des Nationalsozialismus unser heutiges Leben beeinflussen.
Jaroslav Rudiš mag Friedhöfe und er wirft einen humorvollen Blick auf den Tod. „Humor ist die einzige Hoffnung, die wir haben, wenn alles verloren geht“, so der Autor.

Zum Abschluss dieser Langen Büchernacht kam Lukas Bärfuss mit seinem Buch „Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über eine Mutter“ auf die Bühne. Die Mutter von Lukas Bärfuß war eine Frau ohne Bildung und Perspektiven, sie sah ihr Kind als Fessel und war eine unberechenbare Frau. Als Jugendlicher hat Lukas Bärfuss mehrere Jahre auf der Straße gelebt. Der Autor sagt dennoch, er sei „ein Glückskind“. Er hat keinen Musikunterricht, keinen Sportunterricht im Elternhaus erfahren doch „einen Reichtum an Geschichten“.

So ging ein wunderbarer langer Abend zu Ende, an dem vielfältige Bücher vorgestellt wurden: tiefe, lustige, nachdenklich machende. Die Vielfalt des Lebens in Büchern!
Es grüßt euch mit sehr viel Leselust
Marion