



Akihi ist hawaiianisch und bezeichnet das Phänomen, einen gerade erklärten Weg bereits beim Losgehen wieder vergessen zu haben.

Akihi
Als ich nach dem Weg fragte
sagte man mir
Ich solle geradeaus gehen
dann links, rechts, links
am roten Haus abbiegen
der Kurve folgen
drei Kreuzungen dem linken Weg folgen
Dann vergaß ich alles
und verlief mich
wusste nicht mehr wo ich war
Ich beschloss der Nase nach zu gehen
und fand die schönsten Plätzte
geheime Wege
fand Brücken und Mirabellenbäume
Bänke und mich


Ringxiety kommt aus dem Englischen und meint das Gefühl, dass das Handy klingelt.

„Das gibt es doch nicht, verdammt!“, flucht er. Seit einer Viertelstunde sitzt er im Café vor seinem Cappuccino und hatte dreimal das Gefühl, dass sein Handy klingelte, das in seiner Hosentasche liegt. Er schaute darauf, nichts, es schwieg.
Er ärgert sich nicht über das Schweigen des Handys. Er ärgert sich über sich selbst und dieses Gefühl. Ein Gefühl, das seine Eltern und Großeltern nicht kannten. Ringxiety nennen die Menschen in England dieses Gefühl, das er lieber nicht hätte.
Als sein Cappuccino ausgetrunken ist, geht er zur Theke und bezahlt.
„Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?“, fragt er die Bedienung. „Darf ich mein Handy bitte eine Weile hier lassen? Ich habe vor, einen langen Spaziergang zu machen, und ich möchte mein Handy nicht dabei haben.“
Die Bedienung schaut erstaunt, nickt jedoch. „Ja, geben Sie es mir. Ich lege es hier hin.“ Und sie legt es in eine untere Schublade. „Bis 22 Uhr haben wir geöffnet.“
„Danke“, sagt er.
Als er hinausgeht, fühlt er sich befreit. Es liegen Stunden vor ihm, in denen er die Stadt erkunden wird. Stunden, in denen er mit dem Handy viele Fotos gemacht und kurze Nachrichten verschickt hätte. Er hätte seine Erlebnisse geteilt.
Nun wird er alle Eindrücke innerlich sammeln und sie nur mit sich teilen.
Es fühlt sich gut an, verdammt gut.
Und diesmal mag er dieses Schimpfwort.


Culaccino ist italienisch und meint den ringförmigen Abdruck, den ein nasses Glas auf einem Tisch interlässt.

Draußen ist längst die Dunkelheit eines Sommerabends eingekehrt. Der Lappen liegt feucht in ihren Händen, sie geht damit zum Tisch. Ihr Blick fällt auf die ringförmigen Abdrücke, die die nassen Gläser hinterlassen haben. Nein, es stört sie nicht. Im Gegenteil. Sie lächelt leicht. Etwas so Einfaches, dass die meisten Länder sich nicht die Mühe machen, daraus ein Wort zu kreieren. In Italien gibt es ein Wort für diesen Abdruck. Culaccino. Sie lernte den Ausdruck kennen, als sie als Studentin ein Auslandssemester in Rom machte.
Das ist lange her. Heute zeigt ihre Hand Altersflecken und die Adern treten deutlich hervor. Sie setzt sich mit dem Lappen in der Hand an den Tisch und blickt auf die Spuren, die die Gläser machten. Es sind Spuren eines familiären Zusammenseins. Bis vor einer halben Stunde war dieser Raum gefüllt mit Lachen, lebhaften Gesprächen, hellen Kinderstimmen, dunkleren Erwachsenenstimmen. Wenn ihre Familie zusammenkommt, ist es laut, ihre erwachsenen Kinder und Schwiegerkinder unterbrechen sich oft beim Erzählen. Als seien sie voller Gedanken, die wie geschüttelte Sprudelflaschen übersprießen. Trotz der Lautstärke liebt sie diese Zusammenkünfte. Sie ist die, die dabei am wenigsten redet. Manchmal sitzt sie nur da und beobachtet ihre Familie. Dann ist sie dankbar, zufrieden und fühlt die Schönheit der Gemeinschaft.
Sie wischt die Abdrücke noch nicht ab. Mit dem Lappen in der Hand spürt sie dem Wochenende nach. Ihre Katze streicht um ihre Beine und blickt zu ihr hoch. „Na, wunderst du dich, dass es wieder so ruhig ist?“ richtet sie ihre Worte an die Katze.
Nun wird das Haus wieder leerer und stiller. Nur sie und die Katze. Doch das nächste Zusammentreffen wird kommen. Die Enkelkinder werden von Treffen zu Treffen größer werden, ihre erwachsenen Kinder werden graue Strähnen bekommen oder ihre Haare färben, sie wird mit ihnen allen älter werden. Sie wird weiterhin Lieblingsessen kochen, die Kinder werden den Nachtisch und Wein mitbringen. Sie bringen das Leben der Stadt mit. Manchmal wundert es sie, dass ihr kleines Haus nicht aus den Nähten platzt, dass es all die Stimmen und Gespräche aufnimmt, all diese Lebhaftigkeit.
Die Kinder räumten die Küche auf, sie halfen ihr. „Du brauchst nichts zu machen, setz dich“, sagten sie. Doch den Tisch vergaßen sie. Das macht nichts, gar nichts.
Irgendwann wischt sie mit dem Lappen über den Tisch. Das macht sie sehr langsam.