Findesatz und Wortspiel – 50

„Guck mal, Eisblumen!“

Guck mal, Eisblumen

Überraschungen aufheben

Gewohntes mit Goldfäden durchweben

Zurückfühlen wie es war

der erste bewusste Winter

die erste zugefrorene Pfütze

der erste Schnee auf der Haut

Mit all den Jahren in uns

Staunen wie beim ersten Mal

Findesatz und Wortspiel – 20

„Es gibt Seltsames.“

Er geht durch den Tag. Seine Jacke lässt er offen, obschon der Wind frisch ist. Er wünscht sich mehr Wind im Leben. Wind, der das Seltsame wegweht, das zu finden ist. Dabei mag er Seltsames. Es gibt Seltsames und Seltsames. Das Seltsame, das er wegwehen möchte, ist das, was der Welt nicht guttut, das nach Ellbogengesellschaft und Missmut riecht. Das andere Seltsame ist das, was ihn Staunen lässt. Es gibt Momente, da fühlt er sich wie der kleine Junge, der vor oder hinter seinen Eltern herging. Es gab vieles zu finden und zu entdecken. Auch heute bückt er sich manchmal. Oder bleibt stehen. Hebt etwas auf, um es später auf seinem Küchentisch zu legen. Diese Fundstücke erinnern ihn daran, dass er lebt. Das tun der Spiegel und sein Herzschlag auch. Doch er meint, das innere Leben, das sich Erfreuen an Kleinigkeiten. An das gute Seltsame.
Er will gerade seine Jacke zuknöpfen, da entdeckt er einen Klatschmohn. Ihn zu übersehen ist unmöglich. Das Rot ein Schrei.
Die Knöpfe bleiben offen. Er wird ihn nicht pflücken. Ein Klatschmohn zu pflücken wäre ein Verbrechen. Wie kann etwas so rot, so flatterhaft und so schön sein. Es ist der erste Klatschmohn, den er in diesem Frühling sieht. Vielleicht heißt der Klatschmohn Klatschmohn, da seine Farbe so in das Leben klatscht, in die Augen, in das Grau oder Grün der Umgebung. Er weiß nicht, woher der Klatschmohn seinen Namen hat. Und er sagt sich, dass er nicht alles wissen muss. Nicht alles wissen möchte.
Er möchte Staunen von Zeit zu Zeit. Das bückende Kind in sich fühlen. Anhalten, wenn eine Farbe am Wegesrand ruft. Das reicht. Dann war der Tag gut. Er wird heute ohne Erinnerungsstücke heimgehen. Auf dem Küchentisch wird nichts an den Klatschmohn erinnern. Doch das macht nichts, gar nichts. Manches müssen wir nicht behalten, nur bemerken, wird er später denken, wenn er Tee am Küchentisch trinkt. Er wird sich gut dabei fühlen.

8. Dezember – Findesatz-Gedicht

Was bringt dich zum Staunen?
Der Schimmer des Mondes
Fünf Finger an einer Hand
Die Formation der Wildgänse
Träume in der Nacht
Das Wachsen des Kastanienbaumes
Das Fell einer Katze
Ein Echo
Die Sprachen der Welt
Sterne, Fußspuren und das Vergängliche
Menschen wie du und ich
und 1001 Wunder

2. August – Findesatz-Gedicht

Ich möchte nie aufhören zu vertrauen
Ich möchte nie aufhören zu staunen
Ich möchte nie aufhören Luftsprünge zu machen
einem Vogel im Flug zuzusehen
mich ins Gras zu legen
etwas Neues zu probieren
mich weniger ernst zu nehmen
der Stille zuzuhören
mich in einer Buchhandlung zu beschenken
zu wählen
mich im Garten zu stellen und den Geräusche der Nacht zu lauschen
andere Menschen zu entdecken
mich über meine Zehen zu wundern
unbeabsichtigt zu kritzeln
mich in das Leben zu verlieben

6. Januar – Findesatz-Gedicht 2

Meine Liebe ist flüssig geworden
und passt in die unwahrscheinlichsten Zwischenräume
Unerwartet zeigt sie sich
so dass ich anhalten muss
mitten am Tag
Weinen vor Staunen
auch das ist möglich
Segen flüstert von den Ästen der Bäume
Ich bin eine Note
im Konzert des Lebens

Findesatz-Gedicht 70

Wir erklären uns das Leben
und staunen in das Unverständnis hinein
Zeichen und Wunder geschehen
heute wie einst
Wir sollten nicht
Unerklärtes mit Unerklärlichem erklären
Wir sollten
uns das Leben erklären
das Staunen behalten
das Unerklärliche leben lassen
uns hin und wieder
auf eine Bank setzen
und dem Leben still zusehen