Dieses Jahr findet ihr hier zwei Kategorien.
Kategorie 1 – Wortgewebe: Wöchentlich stelle ich ein Wort aus einem anderen Land vor und verwebe es in einen kurzen Text, ergänzt durch ein passendes Foto.
Kategorie 2 – Lächelspuren: Ebenfalls wöchentlich hinterlasse ich lachende Gesichter aus Naturmaterialien oder Kreide im öffentlichen Raum, und halte es mit einem Foto fest.
Zudem werde ich wie jedes Jahr über die Leipziger und Frankfurter Buchmesse berichten.
Er geht durch den Tag. Seine Jacke lässt er offen, obschon der Wind frisch ist. Er wünscht sich mehr Wind im Leben. Wind, der das Seltsame wegweht, das zu finden ist. Dabei mag er Seltsames. Es gibt Seltsames und Seltsames. Das Seltsame, das er wegwehen möchte, ist das, was der Welt nicht guttut, das nach Ellbogengesellschaft und Missmut riecht. Das andere Seltsame ist das, was ihn Staunen lässt. Es gibt Momente, da fühlt er sich wie der kleine Junge, der vor oder hinter seinen Eltern herging. Es gab vieles zu finden und zu entdecken. Auch heute bückt er sich manchmal. Oder bleibt stehen. Hebt etwas auf, um es später auf seinem Küchentisch zu legen. Diese Fundstücke erinnern ihn daran, dass er lebt. Das tun der Spiegel und sein Herzschlag auch. Doch er meint, das innere Leben, das sich Erfreuen an Kleinigkeiten. An das gute Seltsame. Er will gerade seine Jacke zuknöpfen, da entdeckt er einen Klatschmohn. Ihn zu übersehen ist unmöglich. Das Rot ein Schrei. Die Knöpfe bleiben offen. Er wird ihn nicht pflücken. Ein Klatschmohn zu pflücken wäre ein Verbrechen. Wie kann etwas so rot, so flatterhaft und so schön sein. Es ist der erste Klatschmohn, den er in diesem Frühling sieht. Vielleicht heißt der Klatschmohn Klatschmohn, da seine Farbe so in das Leben klatscht, in die Augen, in das Grau oder Grün der Umgebung. Er weiß nicht, woher der Klatschmohn seinen Namen hat. Und er sagt sich, dass er nicht alles wissen muss. Nicht alles wissen möchte. Er möchte Staunen von Zeit zu Zeit. Das bückende Kind in sich fühlen. Anhalten, wenn eine Farbe am Wegesrand ruft. Das reicht. Dann war der Tag gut. Er wird heute ohne Erinnerungsstücke heimgehen. Auf dem Küchentisch wird nichts an den Klatschmohn erinnern. Doch das macht nichts, gar nichts. Manches müssen wir nicht behalten, nur bemerken, wird er später denken, wenn er Tee am Küchentisch trinkt. Er wird sich gut dabei fühlen.
Was bringt dich zum Staunen? Der Schimmer des Mondes Fünf Finger an einer Hand Die Formation der Wildgänse Träume in der Nacht Das Wachsen des Kastanienbaumes Das Fell einer Katze Ein Echo Die Sprachen der Welt Sterne, Fußspuren und das Vergängliche Menschen wie du und ich und 1001 Wunder
Ich möchte nie aufhören zu vertrauen Ich möchte nie aufhören zu staunen Ich möchte nie aufhören Luftsprünge zu machen einem Vogel im Flug zuzusehen mich ins Gras zu legen etwas Neues zu probieren mich weniger ernst zu nehmen der Stille zuzuhören mich in einer Buchhandlung zu beschenken zu wählen mich im Garten zu stellen und den Geräusche der Nacht zu lauschen andere Menschen zu entdecken mich über meine Zehen zu wundern unbeabsichtigt zu kritzeln mich in das Leben zu verlieben
Meine Liebe ist flüssig geworden und passt in die unwahrscheinlichsten Zwischenräume Unerwartet zeigt sie sich so dass ich anhalten muss mitten am Tag Weinen vor Staunen auch das ist möglich Segen flüstert von den Ästen der Bäume Ich bin eine Note im Konzert des Lebens
Wir erklären uns das Leben und staunen in das Unverständnis hinein Zeichen und Wunder geschehen heute wie einst Wir sollten nicht Unerklärtes mit Unerklärlichem erklären Wir sollten uns das Leben erklären das Staunen behalten das Unerklärliche leben lassen uns hin und wieder auf eine Bank setzen und dem Leben still zusehen