Wortgewebe – 9

Inoskulation


Das Wort kommt aus dem Lateinischen, die beiden Teile „in“ und „osculari“ bedeuten zusammen so etwas wie „sich nach gegenüber küssen“. Inoskulation ist ein biologisches Phänomen und meint das Zusammenwachsen zweier nebeneinanderstehender Bäume.

Das milde Wetter lädt ihn ein. Er blickt nach oben und blinzelt in den blauen Himmel. Dieses Himmelblau ist eindeutig seine Lieblingsfarbe. Der nahende Frühling ist an solchen Tagen spürbar. Während er geht, hat er das Gefühl, dass er das Grau der Woche abstreift. Seine Woche trägt zu viel Grau: Kühle Büroräume, Kaffeemaschinen auf Fluren, beige Teppiche, die die Schritte dämpfen wollen. Der einzige Lichtblick diese Woche waren die Fotos auf seinem Handy, die Erik ihm schickte.
Erik, noch fühlt sich alles neu an.
Er atmet tief ein. Es ist, als atme alles in ihm die Farben der Natur ein. Immer wieder erstaunt es ihn, wie viele Grünfarben die Natur trägt. Mehr als wir der Farbe Namen geben. Es gibt so viel mehr als hellgrün, dunkelgrün, blaugrün, neongrün, mintgrün oder lindgrün. Mehr als grasgrün, olivgrün oder smaragdgrün.
Er sollte das jeden Tag machen. Das Grün der Natur und das Blau des Himmels einatmen. Wenn er hier ist, versteht er nicht, warum er dem nicht ausreichend Gewicht gibt.
Radfahrer überholen ihn und Kinder laufen an ihm vorbei. Paare und Familien kommen ihm entgegen. Die Menschen wirken gut gelaunt. Vielleicht ist es das frühlingshafte Wetter. Vielleicht auch sein eigener Blick.
Er wählt einen Weg, den er noch nie wählte. Vermutlich setze ich damit meinem Alltagstrott etwas entgegen, denkt er. Meine stille Rebellion. Bekannte Wege verlassen. Ich mache das viel zu selten.
Er geht in einen Park. Einzelne Bäume zeigen ihr Weiß in großer Wucht. Entfernt hört er Hundegebell. Er geht so, dass er auf Äste tritt. Das dabei entstehende Geräusch liebt er. Dieses Knacken.
Und dann sieht er sie. Zwei Bäume, die nebeneinander stehen und zusammengewachsen sind. Das rührt ihn an. Sie scheinen sich zu umarmen. Er erinnert sich an Rita, eine Freundin, die davon erzählte, dass man dieses Phänomen Inoskulation nennt. Er bleibt stehen und schaut.
Seine Hand streicht über die Stelle, an der die beiden Bäume zusammengewachsen sind. Die Bäume teilen Wasser, Nährstoffe, vermutlich sogar ein Stück Stabilität.
Vielleicht passiert genau das mit Erik und mir, denkt er. Langsam und stetig.

Wortgewebe – 8

Friluftsliv

Es ist ein norwegisches Wort und bedeutet wörtlich Freiluftleben. Friluftsliv beschreibt jedoch mehr als nur draußen sein, es ist eine skandinavische Lebensphilosophie, die beinhaltet, bewusst Zeit in der Natur zu verbringen und Verbundenheit mit der Umwelt zu spüren.

Die Türe lässt er hinter sich zufallen und atmet tief ein. Sobald er draußen ist, ist es, als weite sich sein Inneres. Er braucht keinen Anlauf, sofort ist dieses Gefühl da.
Vielleicht, weil er als Junge täglich stundenlang draußen unterwegs war. Mit seinen Freunden spielte er wieder und wieder im Wald. Sie bauten Hütten, liefen mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch Bäche und lagen auf Wiesen. Sie waren freie Kinder, die erst zum Abendessen heimkehrten. Die Hosen oft zerrissen und von den Eltern mit Flicken versehen.
Du trägst das Friluftsliv-Gen in dir, sagt seine Frau häufig zu ihm. Ja, er liebt es, in der Natur zu sein. Verbundenheit mit der Erde zu spüren. Sich als Teil der Natur zu fühlen.
Seine Gedanken fließen dahin, sanft wie seine Schritte. Dieses Gedankenfließenlassen kommt ihm vor, als würde er neu zusammengesetzt. Als setze sich alles in ihm genau dorthin, wo es Platz hat.
Das Wetter spielt keine Rolle, er geht zu jeder Jahreszeit hinaus. Nur Gewitter hält ihn ab. Heute ist das Wetter mild. Die Luft auf der Haut. Er geht hier draußen aufrechter als in Räumen. Das geschieht ganz von allein.
In wenigen Minuten ist er im Wald. Er geht abseits der geteerten Wege, mitten hinein. Überall lassen sich Pfade finden. Das Geräusch der knackenden Äste unter seinen Füßen mag er.
Später geht er über Felder, den Wald hinter sich lassend. Sein Blick wandert mehrmals nach oben in den Himmel. Er lässt seine Schultern kreisen und breitet die Hände aus. Wie die Flügel eines Vogels. Die Natur lässt ihn wieder der Junge sein, der mit ausgebreiteten Armen durch Wiesen lief.
Dieser Junge wohnt noch immer in ihm. All das, was war, lebt in seinen Poren: das Kind, der Jugendliche, der junge Mann, der älter werdende Mann. Er hat keine Angst vor Veränderungen. Wie könnte er? Die Natur zeigt es ihm immer wieder. Leben bedeutet Veränderung, vom ersten Schritt an. Es fügt sich ein, denkt er, und er ist dankbar. Dankbar für die Natur. Dankbar, dass er sich diese Zeit nimmt, Tag für Tag, nichts heilt ihn mehr.

Wortgewebe – 6

Yūgen

Diese Wort kommt aus dem Japanischen. Yūgen bezeichnet ein tiefes, mystisches Empfinden für die verborgene und schwer in Worte zu fassende Schönheit des Universums.


Wind im Gepäck
Stilles Grün
Überall malt es sich ein
und spricht zu uns in Watte gehüllt
Die Schönheit des Universums
für die uns die Worte fehlt
Yūgen sagen die japanischen Menschen
Ein Gefühl, das in uns schaukelt
Schwerelose Dankbarkeit
Dem Himmel entgegenstaunen
Wie warmer Samt auf freier Haut

Wortgewebe – 4

Gökotta

Das Wort kommt aus dem Schwedischen und bedeutet früh aufstehen, um Vögel zu hören.

Es ist keine Arbeit, die auf ihn wartet. Das klassische Arbeitsleben hat er hinter sich gelassen. Manchmal tauchen Erinnerungen daran auf, meist schöne. Dennoch genießt er seine jetzige Zeit als Pensionär. Er könnte bis mittags im Bett liegen bleiben. Dem Postboten nicht die Tür öffnen, nicht ans Telefon gehen, wenn seine Kinder anrufen. Doch er steht früh auf. Was er vor Jahren nicht mochte, liebt er nun. Vielleicht ist es die Freiwilligkeit, die darin liegt. Sein Wecker klingelt um 7 Uhr. Im Sommer bereits um 5.30 Uhr.  
Doch nun ist Winter und die Vögel machen sich erst später bemerkbar. Im Schlafanzug geht er die Treppe hinunter und setzt Teewasser auf.  Er zieht seinen Mantel an und bindet sich den Schal um. Mit der warmen Teetasse in seinen Händen und einer Decke unter dem Arm geht er hinaus. Seinen Terrassenstuhl rückt er zurecht und nimmt Platz, seine Beine legt er auf einen zweiten Stuhl und schlägt sorgfältig die Decke um sich. Er mag es, wie sein Atem Wolken in die Luft malt, der Tee zieht eine zweite Spur.
Was nun kommt ist die schönste Stunde seines Tages. Er beobachtet das Wachwerden der Vögel, die dem Sonnenaufgang zuvorkommen. Nur vereinzelt klingt Hundegebell oder ein weit entferntes Auto. Der Morgen schenkt viel Ruhe.
Signe hätte es auch geliebt, denkt er und in Gedanken taucht das Bild seiner Frau vor ihm auf. Gökotta, so hätte sie es in ihrer Sprache genannt, die er dank ihr ein wenig sprechen kann.
Er hört die Vögel, bevor er sie sieht, als spielen sie noch Verstecken. Die ersten Meisen huschen zwischen den Bäumen hin und her. Nach einigen Minuten besuchen sie den Futterplatz. Eine Kohlmeise pickt ein Korn und fliegt sofort weiter. Dann folgt eine Blaumeise, die länger verweilt. Aus dem Gebüsch ertönt das helle Zwitschern eines Rotkehlchens.
Er kennt die Gesänge der Vögel. Es war vor Jahren, als ihm bewusst wurde, dass er Sprachen, Technik und Geräte beherrschte, doch nichts von den Stimmen der Vögel in seinem Garten wusste. In der Buchhandlung bestellte er damals Fachbücher. Es dauerte, doch nun kann er die Vögel problemlos auseinanderhalten. Es erfreut ihn jedes Mal, wie eine kleine Genugtuung. Ich kenne euch oder auch Ich weiß, er du bist. Es wird lebendig an der Futterstelle.
Während er die Vögel beobachtet, trinkt er seinen Tee in kleinen, genüsslichen Schlucken. Weder den Vögeln noch ihm machen die kalten Temperaturen etwas aus.
Die Sonne kommt hervor und macht den Wintermorgen heller.
Eine Stunde dauert sein Morgenritual. Dann geht er hinein.
Es wird nicht egal sein, was die Nachrichten am Abend verkünden. Doch er weiß, dass dieser Tag seine Schönheit hatte.

Findesatz und Wortspiel – 50

„Guck mal, Eisblumen!“

Guck mal, Eisblumen

Überraschungen aufheben

Gewohntes mit Goldfäden durchweben

Zurückfühlen wie es war

der erste bewusste Winter

die erste zugefrorene Pfütze

der erste Schnee auf der Haut

Mit all den Jahren in uns

Staunen wie beim ersten Mal

Findesatz und Wortspiel – 33

„Am Morgen hat man die Welt ein bisschen für sich.“

Die Zeiten, in denen er morgens länger schlafen konnte, sind längst vorbei. Doch das macht ihm nichts, gar nichts. Er mag das frühe Aufstehen. Am Morgen hat man die Welt ein bisschen für sich. Er mag es, wenn er den Berg hinaufgeht, den er seinen Berg nennt. Selten ist um diese Uhrzeit jemand unterwegs. Nur die Tiere. Die zeigen sich am Morgen vermehrt. Er ist durchaus gerne in Gesellschaft. Ein Leben ohne Gegenüber, ohne Gespräche, ohne aneinander wachsen sehnt er nicht herbei. Doch er mag die Stunden für sich. Dann ist es, als ordnet sich etwas in ihm, das zuvor lose durcheinander lag, wie achtlos abgestreifte Kleidung. Die Morgenstunden in der Natur räumen ihn auf. Wenn er nach einer Stunde bereit ist, bergab zu gehen, fühlt er sich, als habe er sein Inneres poliert. Er atmet tief ein, atmet aus. Bereit für den Tag. Oft hört man ihn summen, bevor er die Haustüre aufschließt.

Findesatz und Wortspiel – 29

„Ah, die Luft hier!“

Seine Füße tragen ihn. Was er am Gehen mag, ist, dass seine Gedanken mühelos mitwandern. Als fließen sie leicht mit der Landschaft dahin. Die unbeantworteten Fragen in seinem Leben kann er in solchen Stunden annehmen. Er lässt die Fragezeichen zu. Eine Katze kommt ihm entgegen. Na, du, sagt er. Sie bleibt stehen und hält ihre Nase nach oben. Du genießt das auch, fragt er lächelnd. Er atmet tief ein. Ah, die Luft hier! Ein Geschenk pur, was. Es wirkt, als nicke die Katze. Vielleicht ist es wirklich so, dass auch die Katzen, Hummeln und Käfer diese Wohltat spüren, denkt er. Lass uns die Welt etwas schöner schnurren, sagt er zu der Katze, Ungutes gibt es genug. Wir sollten mehr lassen, einfach sein. Weniger im Plan leben. Die Katze ändert ihre Richtung und läuft weiter. Er blickt ihr nach. Während sie kleiner wird, erinnert er sich daran, dass er vor ein paar Tagen in einem Kloster war. Als gläubigen Menschen würde er sich nicht bezeichnen, doch er liebt die Atmosphäre in alten Klöstern. Er setzte sich in einen Raum der Stille. Kerzen gingen an, zunehmend mehr, begleitet von einem sanften klirrenden Klang. Sie brannten nicht wirklich, sie waren elektronisch gesteuert. Sie gingen an, wurden weniger, um dann wieder mehr zu werden. Nie ging das Licht ganz aus. Wenigstens drei Kerzen blieben an. Das berührte ihn tief, er spürt das Gefühl nun noch.  Er fand, darin lag ein ganzes Leben. Ihm ist, als gehöre all das zusammen, die Kerzen im Kloster, die Luft hier, die Berge, die sich ihm zeigen, diese Katze. Als sei alles am richtigen Platz. Auch er.