Findesatz und Wortspiel – 29

„Ah, die Luft hier!“

Seine Füße tragen ihn. Was er am Gehen mag, ist, dass seine Gedanken mühelos mitwandern. Als fließen sie leicht mit der Landschaft dahin. Die unbeantworteten Fragen in seinem Leben kann er in solchen Stunden annehmen. Er lässt die Fragezeichen zu. Eine Katze kommt ihm entgegen. Na, du, sagt er. Sie bleibt stehen und hält ihre Nase nach oben. Du genießt das auch, fragt er lächelnd. Er atmet tief ein. Ah, die Luft hier! Ein Geschenk pur, was. Es wirkt, als nicke die Katze. Vielleicht ist es wirklich so, dass auch die Katzen, Hummeln und Käfer diese Wohltat spüren, denkt er. Lass uns die Welt etwas schöner schnurren, sagt er zu der Katze, Ungutes gibt es genug. Wir sollten mehr lassen, einfach sein. Weniger im Plan leben. Die Katze ändert ihre Richtung und läuft weiter. Er blickt ihr nach. Während sie kleiner wird, erinnert er sich daran, dass er vor ein paar Tagen in einem Kloster war. Als gläubigen Menschen würde er sich nicht bezeichnen, doch er liebt die Atmosphäre in alten Klöstern. Er setzte sich in einen Raum der Stille. Kerzen gingen an, zunehmend mehr, begleitet von einem sanften klirrenden Klang. Sie brannten nicht wirklich, sie waren elektronisch gesteuert. Sie gingen an, wurden weniger, um dann wieder mehr zu werden. Nie ging das Licht ganz aus. Wenigstens drei Kerzen blieben an. Das berührte ihn tief, er spürt das Gefühl nun noch.  Er fand, darin lag ein ganzes Leben. Ihm ist, als gehöre all das zusammen, die Kerzen im Kloster, die Luft hier, die Berge, die sich ihm zeigen, diese Katze. Als sei alles am richtigen Platz. Auch er.

Findesatz und Wortspiel – 28

„Alle da?“

Der Sommerabend lädt ein, dass er eine Runde hinaus geht. Eine Runde, so nennt er das und es ist tatsächlich eine Runde. Er beginnt vor seiner Haustüre und wird in einer halben Stunde wieder hier ankommen. An seiner grünen Haustüre. Vielleicht ist er auch Dreiviertelstunde unterwegs, wenn er Nachbarn trifft oder seinen Freund, der ein paar Straßen weiter wohnt. Sein Weg führt durch die Straßen des kleinen Ortes und vorbei an Feldern. Es hat geregnet am Nachmittag, das wird den Feldern und Wiesen gut tun, denkt er. Es ist, als ob die Natur aufatmen kann.
Die Abendluft mag er sehr. Als legen sich die Gedanken des Tages mit dieser Luft zur Ruhe. Kamille und Schafgarben blühen am Feldrand. Der Geruch der Kamille dringt in seine Nase. Unmittelbar denkt er an seine Großmutter. In ihrem Haus roch es häufig nach Kamille. Sie pflückte sie, legte sie auf dem langen Esstisch aus, um sie zu trocknen und machte Tee daraus. Auch er bekam regelmäßig eine Dose mit Kamillenblüten von ihr. Beinahe kommt es ihm so vor, als ob damals die Welt gut war. Würde ihn jemand beobachten, würde dieser jemand sehen, dass er lächelt. Es ist ein leises, warmes Lächeln.
Niemand kommt ihm heute Abend entgegen. So kommt er nach einer halben Stunde wieder an seinem Haus an. Er schließt auf, lässt seine Schuhe im Hausflur stehen und geht barfuß in die Küche. Dort nimmt ein Glas Holundersaft und geht damit auf die Terrasse. Es beginnt dunkel zu werden. Er entzündet die Kerze mit dem Zitronenduft, in der Hoffnung, dass sie die Mücken fernhält.
Er setzt sich auf seinen Holzstuhl, legt die Füße auf den Stuhl gegenüber und lässt den Tag ausklingen. Mitten in dieses Ausklingen entdeckt er Glühwürmchen. Erst eines, dann ein weiteres und noch eines. Sie tanzen in seinem Garten, machen ihr Licht ein und aus. Ihr macht mich froh, wisst ihr das, flüstert er.
Letzte Woche fragte sein Freund ihn, ob er nicht traurig sei, so ganz allein in dem Haus. Ich bin nicht allein, denkt er. Glühwürmchen, Mücken, Fledermäuse, alle sind sie hier. Alle da, fragt er leise.
Er ist gerne unter Menschen. Morgen wird er Besuch von Freunden bekommen. Er ist ebenso gerne für sich. Ich bin nicht allein, hatte er seinem Freund geantwortet und von den Spinnen, Fliegen, Vögeln und Mücken erzählt. Sein Freund hatte gelacht und ihn etwas ungläubig angesehen. Doch das macht ihm nichts. Er fühlt eine beinahe unwirkliche Verbundenheit. Er weiß nicht, was morgen geschehen wird. Seine Fenster stehen offen. Doch in diesem Moment ist alles gut.

Findesatz und Wortspiel – 25

„Das Wichtigste zuerst.“

Das Wichtigste zuerst
sagt er
Gut
antwortet sie
und setzt ihre Füße ins Gras
geht schaukeln
und beobachtet die Amseln
Nichts könnte wichtiger
Nichts könnte schöner
Nichts könnte heilsamer sein
in diesem Moment

Findesatz und Wortspiel – 23

„Was ist die Oase in deinem Leben?“

Was ist die Oase in deinem Leben
fragte mich die Luft
Ich sprach nicht direkt
schaute den Pflanzen beim Wachsen zu
und wie sie sich verschenken
Dann holte ich Luft
Das Grün
das viel zu weit ist
um einen Namen zu tragen
Bei mir sein
und fühlen
dass nichts getrennt ist
Das Wasser
das nicht aufgibt und fließt
und seine Richtung tanzt

Findesatz und Wortspiel – 16

„Das ist das große Abenteuer, das wir Leben nennen.“

Wir schalten das Radio aus
hören den Vögeln zu
Sie werden nicht müde
uns fröhlich zu stimmen
Als Kind pusteten wir Schirmchenflieger in die Welt
die groß genug für alle war
Löwenzahn malt unsere Fingerkuppen gelb
Wir wissen nicht was unter dem Gras wohnt
Doch unsere Füße sehen das Grün
Manchmal stellt der Wind keine Fragen
Zwischen Ruhe und Erfahrung
nehmen wir uns mit
Das ist das große Abenteuer
das wir Leben nennen
Im Dialog zwischen Sein und Werden
bleiben wir uns

Findesatz und Wortspiel – 14

„Ich finde schön, sich nichts vorzunehmen und einfach zu chillen.“

Ich finde schön
sich nichts vorzunehmen
Ich möchte dem Blau des Himmels zuwinken
und die Jacke abstreifen
Der Magnolie zusehen
die nicht weiß
dass sie ein wiederkehrendes Wunder ist
Ihre Blüten wecken uns an
in der kurzen Zeit
in der sie sich schenken
Ich möchte sie betrachten
Tag und Nacht
und glauben
dass alles gut werden kann


Findesatz und Wortspiel – 11

„Ist es noch gut und passt es so?“

Wochen malen das Leben an
Niemand zählt die Wolken
Ist die Gegenwart stimmig?
Ein Wind kam zu uns
Augen treffen die ersten Farben
Ist rot mutiger als gelb?
Das Unkraut wird zum Beikraut
Es ist die Lebenszeit die nicht schweigt
Ist es noch gut und passt es so?