



Kommt aus dem Italienischen und heißt wörtlich übersetzt: „Das süße Nichtstun“. Sinngemäß bedeutet es: das Leben bewusst zu genießen und die kleinen, ruhigen Momente wertzuschätzen.

Das Café ist nur spärlich besucht. Die Kaffeetassen tragen Schönheit. Wie der Moment. Leise tönt Musik aus den Lautsprechern.
Nichts muss, denkt sie, während sie den ersten Schluck Kaffee nimmt.
Draußen zieht ein sanfter Winterhimmel über die Dächer. Hier drinnen ist es angenehm warm, ihre Schals haben sie abgelegt.
Ab und zu öffnet sich die Türe und Menschen treten ein, bringen ein wenig Kälte und Gespräche mit, manchmal ein Lachen. Menschen gehen wieder hinaus. Die Welt bewegt sich weiter. Natürlich macht sie das. Doch sie folgen ihr nicht. Heute nicht.
Sie sitzen dazwischen, losgelöst von messbarer Zeit oder Verpflichtungen. Tassen klirren leise.
Dolce far niente nennen die Italiener das. Das süße Nichtstun. Eine Süße, die nicht klebt.
Ihre Gedanken wandern nicht, sie ruhen. Es ist wie ein leises Ankommen. Momente, die rein gar nichts verlangen. Momente, die tragen.


Das Wort kommt aus dem Schwedischen und bedeutet früh aufstehen, um Vögel zu hören.

Es ist keine Arbeit, die auf ihn wartet. Das klassische Arbeitsleben hat er hinter sich gelassen. Manchmal tauchen Erinnerungen daran auf, meist schöne. Dennoch genießt er seine jetzige Zeit als Pensionär. Er könnte bis mittags im Bett liegen bleiben. Dem Postboten nicht die Tür öffnen, nicht ans Telefon gehen, wenn seine Kinder anrufen. Doch er steht früh auf. Was er vor Jahren nicht mochte, liebt er nun. Vielleicht ist es die Freiwilligkeit, die darin liegt. Sein Wecker klingelt um 7 Uhr. Im Sommer bereits um 5.30 Uhr.
Doch nun ist Winter und die Vögel machen sich erst später bemerkbar. Im Schlafanzug geht er die Treppe hinunter und setzt Teewasser auf. Er zieht seinen Mantel an und bindet sich den Schal um. Mit der warmen Teetasse in seinen Händen und einer Decke unter dem Arm geht er hinaus. Seinen Terrassenstuhl rückt er zurecht und nimmt Platz, seine Beine legt er auf einen zweiten Stuhl und schlägt sorgfältig die Decke um sich. Er mag es, wie sein Atem Wolken in die Luft malt, der Tee zieht eine zweite Spur.
Was nun kommt ist die schönste Stunde seines Tages. Er beobachtet das Wachwerden der Vögel, die dem Sonnenaufgang zuvorkommen. Nur vereinzelt klingt Hundegebell oder ein weit entferntes Auto. Der Morgen schenkt viel Ruhe.
Signe hätte es auch geliebt, denkt er und in Gedanken taucht das Bild seiner Frau vor ihm auf. Gökotta, so hätte sie es in ihrer Sprache genannt, die er dank ihr ein wenig sprechen kann.
Er hört die Vögel, bevor er sie sieht, als spielen sie noch Verstecken. Die ersten Meisen huschen zwischen den Bäumen hin und her. Nach einigen Minuten besuchen sie den Futterplatz. Eine Kohlmeise pickt ein Korn und fliegt sofort weiter. Dann folgt eine Blaumeise, die länger verweilt. Aus dem Gebüsch ertönt das helle Zwitschern eines Rotkehlchens.
Er kennt die Gesänge der Vögel. Es war vor Jahren, als ihm bewusst wurde, dass er Sprachen, Technik und Geräte beherrschte, doch nichts von den Stimmen der Vögel in seinem Garten wusste. In der Buchhandlung bestellte er damals Fachbücher. Es dauerte, doch nun kann er die Vögel problemlos auseinanderhalten. Es erfreut ihn jedes Mal, wie eine kleine Genugtuung. Ich kenne euch oder auch Ich weiß, er du bist. Es wird lebendig an der Futterstelle.
Während er die Vögel beobachtet, trinkt er seinen Tee in kleinen, genüsslichen Schlucken. Weder den Vögeln noch ihm machen die kalten Temperaturen etwas aus.
Die Sonne kommt hervor und macht den Wintermorgen heller.
Eine Stunde dauert sein Morgenritual. Dann geht er hinein.
Es wird nicht egal sein, was die Nachrichten am Abend verkünden. Doch er weiß, dass dieser Tag seine Schönheit hatte.


Dieses Wort kommt aus dem Japanischen. Es steht für den Sinn des Lebens und den Grund, morgens aufzustehen.

Ikigai
Das Blau des Himmels
Die klare Luft des Draußens
Das Verteilen der Milch im Cappuccino
Bunte Begegnungen
Verbundenheit atmen
Neue Wege gehen
Das weiche Fell der Katze fühlen
Sich selbst näherkommen
Luftsprünge wagen
Das wiederkehrende Rotkehlchen
Lieblingsecken finden
Mitgestalten


Dieses Wort kommt aus dem Inuktitut. Es bezeichnet feuchten, formbaren Schnee.

Seine Boots schnürt er zu und geht hinaus. Die ersten Atemzüge nach Stunden in der Wohnung genießt er immer besonders. Ein Gefühl, als weite sich etwas in ihm. Vielleicht macht es das tatsächlich. Sein Atem malt Nebelschleier in die Winterluft.
In einigen Häusern strahlen noch die Weihnachtslichter. Er mag den Winter. Diese sanfte weiße Decke, wie ein Schleier der Ruhe. Das Geräusch seiner Füße im Schnee. Er entdeckt Spuren eines Vogels auf dem Gehweg. Ein zarter Schriftzug im Schnee, ein Zeichen von Leben, das kurz innehielt und dann weiterflog.
In einem Vorgarten ist ein Schneemann. Er bleibt stehen und schaut den Mann aus Schnee an. Guten Tag, Schneemann, sagt er leise. Ihm ist, als lächle der Schneemann zurück. Schnee ist so viel mehr als Schnee. Er las vor vielen Jahren, dass die Inuit über zahlreiche Wörter für Schnee verfügen, je nachdem, wie er sich anfühlt, fällt oder liegt. Er wollte sich damals einige Begriffe merken, doch das gelang ihm nicht. An eines jedoch erinnert er sich. Muruaneq. Er spricht es leise aus, als er vor dem Schneemann steht. Muruaneq, so nennen die Inuit diesen feuchten, formbaren Schnee. Er hat es sich merken können, da es ihn daran erinnerte, wie seine Großmutter ihn nannte. Murin. Nie nannte sie ihn Martin, wie seine Eltern und alle anderen, denen er in seinem Leben begegnete. Immer sagte sie Murin und blickte ihn dabei mit ihren warmen weichen Augen an.
Wie viele Schneemänner habe ich wohl in meinem Leben gebaut, überlegt er. Waren es 20, 30 oder werden es 40 gewesen sein. Zu wenig, denkt er und weiß, was er morgen machen wird.


Dieses Wort kommt aus dem italienischen. Es bedeutet Anfang oder Beginn.

Ein neues Notizbuch aufschlagen und mit der Hand über die weiße Seite streichen. Sie mag die Anfänge. Nicht zu wissen, was dort einst stehen wird. Wie ein leichtes Kribbeln. Ein Versprechen. Eine Zukunftslust. Das Gefühl, neu zu beginnen.
Natürlich weiß sie darum, dass sie nie ganz neu beginnt. Dass sie alles mitträgt, was sie zu der macht, die sie heute ist. Doch es gibt sie, die vielen kleinen Anfänge. Hesse hatte recht, als er schrieb, darin liege ein Zauber. Inizio, sagen die Menschen in Italien. Wenn sie das leise spricht, fühlt sie die verheißungsvolle Spannung. Sie blickt aus dem Fenster. Das neue Jahr liegt vor ihr. Es ist ein stiller Beginn. Schnee macht die Welt leiser. Sie freut sich auf die Wege, die vor ihr liegen. Den Zauber des Neubeginns nimmt sie mit hinaus, als sie später Spuren in den Schnee setzt. Die Luft ist klar und frisch und irgendwo zwischen Atem und Schritt beginnt bereits das Neue.