Wortgewebe – 29

Tingo

Tingo – Rapa Nui (Osterinsel): Sich nach und nach Dinge von jemandem ausleihen, bis kaum noch etwas übrig ist.

Ihre neue Wohnung war leer. Keine unangenehme Leere. Sie mochte die Klarheit des Wenigen. Es schenkte ihr Luft zum Atmen.
Sie besuchte ihre Tante. Es war die Sorte von Tante, die ein Herz aus Gold hatte, überaus gastfreundlich war und in deren Haus viel herumstand. Es gab keine Ecke, in der es nichts zu bestaunen gab. Ihr Haus wirkte beinahe wie ein lebendiger Flohmarkt.
Ihre Tante hatte Kaffee und Kuchen bereitgestellt, und sie erzählten sich aus ihrem Leben. Was für ein schönes Tablett ihre Tante hatte. Nächste Woche würden ihre Freundinnen kommen, und es wäre praktisch, solch ein Tablett zu haben.
„Du, Tante Mina, kann ich mir das Tablett mal ausleihen?“
„Natürlich, meine Schöne. Nimm es gerne mit.“
Die Tante nannte sie immer schon die Schöne. Daran hatte sich nichts geändert. Als sie drei Jahre alt war, hatte das angefangen. Nun war sie 28, und sie blieb die Schöne.
„Und sag mal, diese kleinen Gläser, darf ich mir die auch borgen? Ich bekomme Besuch und habe keine Gläser.“
„Nimm sie gerne mit, meine Schöne.“
Nach drei Stunden hatten sie vier Tassen Kaffee getrunken, zwei Stück Kuchen gegessen und viele Gedanken miteinander geteilt. Sie verabschiedete sich mit einer wärmenden Umarmung und verließ das Haus mit dem Tablett, den Gläsern, Tellern, einer Kuchenplatte, einer Kuchenschaufel, einer Vase, zwei Bildern, einem Spiegel, einem Teppich, einem Radio, zwei Stühlen, einem Sessel und einem Hocker. Es passte alles in ihren kleinen Reisebus.
Zu Hause platzierte sie alles, stellte es noch einmal um, bis sie meinte, den richtigen Ort gefunden zu haben.
Sie ließ sich in den Sessel fallen und atmete tief aus.
Dann blickte sie sich um. Es war bunt um sie herum. Ihre Wohnung war voll. Was hatte sie gemacht?
„Tingo“, sagte sie leise zu sich selbst.
Vor einem Jahr hatte sie die Osterinsel besucht und dort dieses Wort kennengelernt. Dieses Wort und seine Bedeutung: sich nach und nach Dinge von jemandem auszuleihen, bis kaum noch etwas übrig bleibt.
Ihre Wohnung fühlte sich voll an, zu voll. Dabei schätzte sie doch die Klarheit der Leere.
Sie rief ihre Tante an.
Bevor sie etwas sagen konnte, lachte ihre Tante.
„Ich wusste, dass du anrufen würdest. Ich kenne dich doch und deinen Wunsch nach Klarheit.“
„Dann ahnst du bestimmt, was jetzt passiert. Ich möchte morgen vorbeikommen. Dann bringe ich dir die Sachen zurück.“
„Welche Sachen?“, fragte ihre Tante.
„Alle.“
„Schade“, sagte Tante Mina. „Ich hätte noch einen Schrank für dich.“
Und dann mussten beide lauthals lachen.

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