Wortgewebe – 35

Hiraeth

Hiraeth kommt aus dem Walisischen und bedeutet Heimweh nach einem Ort oder einer Zeit, zu der man vielleicht nie zurückkehren kann.

Ganz still stand er dort. Er ließ seinen Blick wandern. Es war, als stimmten alle Farben, jedes Licht und jedes Geräusch. Und vielleicht machte es das tatsächlich. Es war ein Ort, der ihn tief und ruhig atmen ließ. Der etwas in ihm berührte. Das Wort Hiraeth fiel ihm ein. Er wusste, er würde Heimweh nach diesem Ort haben, nach dieser Zeit. Doch das machte nichts. Es wäre schlimmer, dies hier nicht erlebt zu haben. Vielleicht trägt jedes Leben dieses Heimweh, dachte er. Diese Liebe zu Orten. Er wusste, der Ort würde in ihm weiterwirken. Dankbarkeit legte sich um ihn.

Wortgewebe – 34

Tsundoku

Tsundoku kommt aus dem Japanischen und meint: Bücher kaufen und sie ungelesen stapeln, oft mit dem Vorsatz, sie irgendwann zu lesen.

Wenn er neue Städte besucht, sucht er Buchhandlungen auf. Er kann es nicht lassen, Bücher zu kaufen. Wenigsten eines. Heute kaufte er zwei. Er wird sie ungelesen stapeln. Zumindest eine zeitlang. Da er noch viele andere Bücher hat, die er lesen möchte. Tsundoku sagt sein japanischer Freund. Er liebt es, in Geschichten einzutauchen. Versinken in andere Leben, die seines streifen. Wenn er in Buchhandlungen ist, atmet er tief. Es sind Glücksorte für ihn. Er besitzt nicht viel. Sein Haus ist klein. Doch Bücher besitzt er viele. In jedem Zimmer sind sie. Freunde leihen seine Bücher aus. Meist bekommt er sie zurück. Manche Bücher liest er zweimal. Oft sitzt er in seinem grünen Sessel, nimmt ein Buch vom Stapel, riecht daran, betrachtet das Cover und streicht mit seinen Händen darüber, als sei es die Haut einer Geliebten. Dann liest er die ersten Sätze. Sie sind ein Tor. Bücher haben mein Leben schon mehrmals gerettet, sagte er seiner Schwester vor ein paar Wochen. Sie nickte dazu. Auch sie kennt es. Bücher, die zur richtigen Zeit auftauchen. Bücher, die bleiben. Bücher, die heilsame Pflaster sind.

Wortgewebe – 33

Pihentagyú

Pihentagyú kommt aus dem Ungarischen. Wörtlich kann es übersetzt werden mit „ausgeruhter Kopf“. Der Begriff wird jedoch meist benutzt, für jemanden, der ausgefallene und schräge Ideen hat.

Für sie sind die Wege nicht gerade

Sie geht Umwege

Flüstert und schreit

Wenn andere nicht weiter wollen

geht sie auf ungewöhnliche Weise voran

Legt bunte Spuren

Vögel und Menschen schauen ihr zu

pfeifen und schütteln den Kopf

Sie verschenkt Seifenblasen und Stärke

Ihre Worten sagen: Es geht

Noch mehr ihre Taten

Pihentagyú nennen wir sie

Sie malt ein Stück vom Paradies

Wortgewebe – 32

Dépaysement

Dépaysement kommt aus dem Französischen und meint das Gefühl, wenn man die vertraute Welt hinter sich lässt und irgendwo ganz anders neu eintaucht.

Das Gewohnte verlassen

Neu eintauchen

Für einen Tag oder eine Woche

Die Blumen singen anders

Ungewohnte Klänge

Dépaysement wohnt in der Luft

Wir breiten die Arme aus

Legen uns hinein

Sind Bäume und Reh

Meisen und Staude zugleich

Wir leben ungeschminkt

Unsere Füße finden Halt

Wortgewebe – 31

Uitwaaien

Uitwaaien kommt aus dem Niederländisch und meint: Nach draußen gehen, meist bei Wind, um den Kopf freizubekommen und sich geistig zu erfrischen.

Uuitwaaien

Wind
umspielt
die Haut
Tief atmen
Alles wird frei
Gedanken fließen
Als setze sich etwas
Anderes fliegt davon
Mit der Frische gehen
Sich entgegen

Wortgewebe – 30

Pochemuchka

Pochemuchka kommt auf dem Russischen und bezeichnet einen Menschen, der zu viele Fragen stellt.

Kann ein Pochemuchka eine Frage stellen, die älter ist als die Menschheit?
Wo ist der Wind Zuhause?
Ist Gelb langsamer als Rot?
Weiß der Igel, dass er Stacheln hat?
Ist deine Erinnerung wahr?
Wo bleibt der Moment stehen?
Sollen wir die Hoffnung nie verlieren?
Ist alles zu schnell?
Stimmt jemals alles?

Wortgewebe – 29

Tingo

Tingo – Rapa Nui (Osterinsel): Sich nach und nach Dinge von jemandem ausleihen, bis kaum noch etwas übrig ist.

Ihre neue Wohnung war leer. Keine unangenehme Leere. Sie mochte die Klarheit des Wenigen. Es schenkte ihr Luft zum Atmen.
Sie besuchte ihre Tante. Es war die Sorte von Tante, die ein Herz aus Gold hatte, überaus gastfreundlich war und in deren Haus viel herumstand. Es gab keine Ecke, in der es nichts zu bestaunen gab. Ihr Haus wirkte beinahe wie ein lebendiger Flohmarkt.
Ihre Tante hatte Kaffee und Kuchen bereitgestellt, und sie erzählten sich aus ihrem Leben. Was für ein schönes Tablett ihre Tante hatte. Nächste Woche würden ihre Freundinnen kommen, und es wäre praktisch, solch ein Tablett zu haben.
„Du, Tante Mina, kann ich mir das Tablett mal ausleihen?“
„Natürlich, meine Schöne. Nimm es gerne mit.“
Die Tante nannte sie immer schon die Schöne. Daran hatte sich nichts geändert. Als sie drei Jahre alt war, hatte das angefangen. Nun war sie 28, und sie blieb die Schöne.
„Und sag mal, diese kleinen Gläser, darf ich mir die auch borgen? Ich bekomme Besuch und habe keine Gläser.“
„Nimm sie gerne mit, meine Schöne.“
Nach drei Stunden hatten sie vier Tassen Kaffee getrunken, zwei Stück Kuchen gegessen und viele Gedanken miteinander geteilt. Sie verabschiedete sich mit einer wärmenden Umarmung und verließ das Haus mit dem Tablett, den Gläsern, Tellern, einer Kuchenplatte, einer Kuchenschaufel, einer Vase, zwei Bildern, einem Spiegel, einem Teppich, einem Radio, zwei Stühlen, einem Sessel und einem Hocker. Es passte alles in ihren kleinen Reisebus.
Zu Hause platzierte sie alles, stellte es noch einmal um, bis sie meinte, den richtigen Ort gefunden zu haben.
Sie ließ sich in den Sessel fallen und atmete tief aus.
Dann blickte sie sich um. Es war bunt um sie herum. Ihre Wohnung war voll. Was hatte sie gemacht?
„Tingo“, sagte sie leise zu sich selbst.
Vor einem Jahr hatte sie die Osterinsel besucht und dort dieses Wort kennengelernt. Dieses Wort und seine Bedeutung: sich nach und nach Dinge von jemandem auszuleihen, bis kaum noch etwas übrig bleibt.
Ihre Wohnung fühlte sich voll an, zu voll. Dabei schätzte sie doch die Klarheit der Leere.
Sie rief ihre Tante an.
Bevor sie etwas sagen konnte, lachte ihre Tante.
„Ich wusste, dass du anrufen würdest. Ich kenne dich doch und deinen Wunsch nach Klarheit.“
„Dann ahnst du bestimmt, was jetzt passiert. Ich möchte morgen vorbeikommen. Dann bringe ich dir die Sachen zurück.“
„Welche Sachen?“, fragte ihre Tante.
„Alle.“
„Schade“, sagte Tante Mina. „Ich hätte noch einen Schrank für dich.“
Und dann mussten beide lauthals lachen.

Wortgewebe – 28

Petrichor

Petrichor kommt aus dem Englischen und bezeichnet den angenehmen Duft, der entsteht, wenn nach einer längeren Trockenperiode Regen auf trockenen Boden fällt.

Endlich. Die Tropfen fielen vom Himmel. Geschützt saßen wir auf der überdachten Terrasse. Vor uns halb gefüllte Weingläser, kleine Schalen mit Nüssen, Oliven auf einem blauen Teller, eine Karaffe mit Wasser und einer Zitronenscheibe darin. Wir wurden still, ohne dass wir einander dazu aufforderten. Wir hörten dem Regen und seinem immer stärker werdenden Klang zu.
Wie unsere Erde das brauchte. Die Tropfen prasselten auf den Boden, in die Beete und auf die verdorrte Wiese. Noch immer schwiegen wir. Abwechselnd schaute ich nach oben und sah, wie die Tropfen auf das Terrassendach fielen, und hinaus in die Weite. Ich blickte auf all das, was den Regen in sich aufnahm.
Ohne zu sprechen, nahmen wir alle diesen unvergleichlichen Duft wahr. Petrichor. Wir atmeten tief.
Piet war der Erste, der wieder sprach. „Gott sei Dank.“
Wir nickten dazu. Gerda, Lars, Hannes, Beate, Mel und ich. Ich weiß nicht, wer von uns an Gott glaubte oder diesem Gott dankte. Dennoch nickten wir alle.

Wortgewebe – 27

Akihi  


Akihi ist hawaiianisch und bezeichnet das Phänomen, einen gerade erklärten Weg bereits beim Losgehen wieder vergessen zu haben.

Akihi

Als ich nach dem Weg fragte
sagte man mir
Ich solle geradeaus gehen
dann links, rechts, links
am roten Haus abbiegen
der Kurve folgen
drei Kreuzungen dem linken Weg folgen
Dann vergaß ich alles
und verlief mich
wusste nicht mehr wo ich war
Ich beschloss der Nase nach zu gehen
und fand die schönsten Plätzte
geheime Wege
fand Brücken und Mirabellenbäume
Bänke und mich

Wortgewebe – 23

Pisanzapra

Pisanzapra kommt aus dem Malaiischen und meint die Zeit, die es dauert, eine Banane zu essen – eine Art, einen kurzen Zeitraum zu beschreiben.

Lange sah ich ihn nicht mehr. Ich weiß nicht, ob er noch in meinen Gedanken war. Bewusst habe ich nicht an ihn gedacht. Doch innerlich wird er irgendwo gewohnt haben. So wie alle Menschen in uns leben, mit denen wir irgendwann Zeit verbracht haben.
Es war mitten in der Fußgängerzone. Er kam mir entgegen. Oder wir uns. Wir erkannten uns, als wir kurz voreinander waren und dieser Augenblick uns anhalten ließ. So voreinander stehend, sagten wir den Namen des anderen. Und umarmten uns. Es war eine tiefe Umarmung, die keine Worte benötigte. Erst dann blickten wir uns länger an. Wir nahmen das Ältergewordensein an uns wahr. Und zugleich das gebliebene Vertraute.
Es ist schön, dich zu sehen, sagte er. Jedes Wort sprach er langsam aus. Und ich sagte: Ja, es ist schön, dich zu sehen. Dabei legte ich meine Hand auf mein Herz. Das geschah nicht bewusst. Es geschah ganz von allein. Wir wechselten ein paar Sätze, die ausdrückten, dass wir uns über dieses überraschende Wiedersehen freuten. Wir überlegten nicht, ob und wann wir uns wiedersehen. Es war, als sei dieser Moment des Wiedersehens genug.
Zu Hause kochte ich mir einen Tee. Ich setzte mich damit auf die überdachte Terrasse, während es begann, leicht zu regnen. Ich ging diese kurze Begegnung noch einmal durch. Versuchte, sie erneut zu erleben. Wie lang hat die Begegnung gedauert, überlegte ich. Und mir fiel dieses malaiische Wort Pisanzapra ein. Den Zeitraum, den es braucht, eine Banane zu essen. So lange dauerte unser Wiedersehen. Was nicht unbedingt lange ist. Und doch war es, als sei es genauso gut und richtig.
Ich trank den Tee in kleinen Schlucken aus. Jetzt hörte auch der Regen auf. Seine Spuren auf dem Terrassendach und dem Rasen hinterlassend.
Ich ging hinein und deckte den Tisch für das Abendbrot. Die Blumen in der Tischmitte leuchteten.