Gökotta
Das Wort kommt aus dem Schwedischen und bedeutet früh aufstehen, um Vögel zu hören.

Es ist keine Arbeit, die auf ihn wartet. Das klassische Arbeitsleben hat er hinter sich gelassen. Manchmal tauchen Erinnerungen daran auf, meist schöne. Dennoch genießt er seine jetzige Zeit als Pensionär. Er könnte bis mittags im Bett liegen bleiben. Dem Postboten nicht die Tür öffnen, nicht ans Telefon gehen, wenn seine Kinder anrufen. Doch er steht früh auf. Was er vor Jahren nicht mochte, liebt er nun. Vielleicht ist es die Freiwilligkeit, die darin liegt. Sein Wecker klingelt um 7 Uhr. Im Sommer bereits um 5.30 Uhr.
Doch nun ist Winter und die Vögel machen sich erst später bemerkbar. Im Schlafanzug geht er die Treppe hinunter und setzt Teewasser auf. Er zieht seinen Mantel an und bindet sich den Schal um. Mit der warmen Teetasse in seinen Händen und einer Decke unter dem Arm geht er hinaus. Seinen Terrassenstuhl rückt er zurecht und nimmt Platz, seine Beine legt er auf einen zweiten Stuhl und schlägt sorgfältig die Decke um sich. Er mag es, wie sein Atem Wolken in die Luft malt, der Tee zieht eine zweite Spur.
Was nun kommt ist die schönste Stunde seines Tages. Er beobachtet das Wachwerden der Vögel, die dem Sonnenaufgang zuvorkommen. Nur vereinzelt klingt Hundegebell oder ein weit entferntes Auto. Der Morgen schenkt viel Ruhe.
Signe hätte es auch geliebt, denkt er und in Gedanken taucht das Bild seiner Frau vor ihm auf. Gökotta, so hätte sie es in ihrer Sprache genannt, die er dank ihr ein wenig sprechen kann.
Er hört die Vögel, bevor er sie sieht, als spielen sie noch Verstecken. Die ersten Meisen huschen zwischen den Bäumen hin und her. Nach einigen Minuten besuchen sie den Futterplatz. Eine Kohlmeise pickt ein Korn und fliegt sofort weiter. Dann folgt eine Blaumeise, die länger verweilt. Aus dem Gebüsch ertönt das helle Zwitschern eines Rotkehlchens.
Er kennt die Gesänge der Vögel. Es war vor Jahren, als ihm bewusst wurde, dass er Sprachen, Technik und Geräte beherrschte, doch nichts von den Stimmen der Vögel in seinem Garten wusste. In der Buchhandlung bestellte er damals Fachbücher. Es dauerte, doch nun kann er die Vögel problemlos auseinanderhalten. Es erfreut ihn jedes Mal, wie eine kleine Genugtuung. Ich kenne euch oder auch Ich weiß, er du bist. Es wird lebendig an der Futterstelle.
Während er die Vögel beobachtet, trinkt er seinen Tee in kleinen, genüsslichen Schlucken. Weder den Vögeln noch ihm machen die kalten Temperaturen etwas aus.
Die Sonne kommt hervor und macht den Wintermorgen heller.
Eine Stunde dauert sein Morgenritual. Dann geht er hinein.
Es wird nicht egal sein, was die Nachrichten am Abend verkünden. Doch er weiß, dass dieser Tag seine Schönheit hatte.
Wunderbar dieser Text!!
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Vielen lieben Dank!
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Volle Zustimmung 🎶🎵🎶🎵🎶🐦
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Das ist so schön, liebe Marion.
Mir fehlt lediglich die Zeit und ein Garten. Doch kommen viele Vögel auf den Kemenatenbalkon und das sind ähnliche Momente, die ich nicht missen mag.
Das Wort werde ich mir merken. Schön, was in anderen Sprachen für Schätze stecken! Ich freue mich auf die weiteren, die du (und wie du sie) uns näher bringst.
Liebe Grüße,
SyntaxiaSophie
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Lieben und erfreuten Dank.
Balkon-Vogel-Freude ist auch wunderbar.
Liebe Grüße zurück
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