Wortgewebe – 5

Dolce far niente

Kommt aus dem Italienischen und heißt wörtlich übersetzt: „Das süße Nichtstun“. Sinngemäß bedeutet es: das Leben bewusst zu genießen und die kleinen, ruhigen Momente wertzuschätzen.


Das Café ist nur spärlich besucht. Die Kaffeetassen tragen Schönheit. Wie der Moment. Leise tönt Musik aus den Lautsprechern.
Nichts muss, denkt sie, während sie den ersten Schluck Kaffee nimmt.
Draußen zieht ein sanfter Winterhimmel über die Dächer. Hier drinnen ist es angenehm warm, ihre Schals haben sie abgelegt.
Ab und zu öffnet sich die Türe und Menschen treten ein, bringen ein wenig Kälte und Gespräche mit, manchmal ein Lachen. Menschen gehen wieder hinaus. Die Welt bewegt sich weiter. Natürlich macht sie das. Doch sie folgen ihr nicht. Heute nicht.
Sie sitzen dazwischen, losgelöst von messbarer Zeit oder Verpflichtungen. Tassen klirren leise.
Dolce far niente nennen die Italiener das. Das süße Nichtstun. Eine Süße, die nicht klebt.
Ihre Gedanken wandern nicht, sie ruhen. Es ist wie ein leises Ankommen. Momente, die rein gar nichts verlangen. Momente, die tragen.

Wortgewebe – 1

Inizio

Dieses Wort kommt aus dem italienischen. Es bedeutet Anfang oder Beginn.

Ein neues Notizbuch aufschlagen und mit der Hand über die weiße Seite streichen. Sie mag die Anfänge. Nicht zu wissen, was dort einst stehen wird. Wie ein leichtes Kribbeln. Ein Versprechen. Eine Zukunftslust. Das Gefühl, neu zu beginnen.
Natürlich weiß sie darum, dass sie nie ganz neu beginnt. Dass sie alles mitträgt, was sie zu der macht, die sie heute ist. Doch es gibt sie, die vielen kleinen Anfänge. Hesse hatte recht, als er schrieb, darin liege ein Zauber. Inizio, sagen die Menschen in Italien. Wenn sie das leise spricht, fühlt sie die verheißungsvolle Spannung. Sie blickt aus dem Fenster. Das neue Jahr liegt vor ihr. Es ist ein stiller Beginn. Schnee macht die Welt leiser. Sie freut sich auf die Wege, die vor ihr liegen. Den Zauber des Neubeginns nimmt sie mit hinaus, als sie später Spuren in den Schnee setzt. Die Luft ist klar und frisch und irgendwo zwischen Atem und Schritt beginnt bereits das Neue.