Muruaneq
Dieses Wort kommt aus dem Inuktitut. Es bezeichnet feuchten, formbaren Schnee.

Seine Boots schnürt er zu und geht hinaus. Die ersten Atemzüge nach Stunden in der Wohnung genießt er immer besonders. Ein Gefühl, als weite sich etwas in ihm. Vielleicht macht es das tatsächlich. Sein Atem malt Nebelschleier in die Winterluft.
In einigen Häusern strahlen noch die Weihnachtslichter. Er mag den Winter. Diese sanfte weiße Decke, wie ein Schleier der Ruhe. Das Geräusch seiner Füße im Schnee. Er entdeckt Spuren eines Vogels auf dem Gehweg. Ein zarter Schriftzug im Schnee, ein Zeichen von Leben, das kurz innehielt und dann weiterflog.
In einem Vorgarten ist ein Schneemann. Er bleibt stehen und schaut den Mann aus Schnee an. Guten Tag, Schneemann, sagt er leise. Ihm ist, als lächle der Schneemann zurück. Schnee ist so viel mehr als Schnee. Er las vor vielen Jahren, dass die Inuit über zahlreiche Wörter für Schnee verfügen, je nachdem, wie er sich anfühlt, fällt oder liegt. Er wollte sich damals einige Begriffe merken, doch das gelang ihm nicht. An eines jedoch erinnert er sich. Muruaneq. Er spricht es leise aus, als er vor dem Schneemann steht. Muruaneq, so nennen die Inuit diesen feuchten, formbaren Schnee. Er hat es sich merken können, da es ihn daran erinnerte, wie seine Großmutter ihn nannte. Murin. Nie nannte sie ihn Martin, wie seine Eltern und alle anderen, denen er in seinem Leben begegnete. Immer sagte sie Murin und blickte ihn dabei mit ihren warmen weichen Augen an.
Wie viele Schneemänner habe ich wohl in meinem Leben gebaut, überlegt er. Waren es 20, 30 oder werden es 40 gewesen sein. Zu wenig, denkt er und weiß, was er morgen machen wird.