Wortgewebe – 28

Petrichor

Petrichor kommt aus dem Englischen und bezeichnet den angenehmen Duft, der entsteht, wenn nach einer längeren Trockenperiode Regen auf trockenen Boden fällt.

Endlich. Die Tropfen fielen vom Himmel. Geschützt saßen wir auf der überdachten Terrasse. Vor uns halb gefüllte Weingläser, kleine Schalen mit Nüssen, Oliven auf einem blauen Teller, eine Karaffe mit Wasser und einer Zitronenscheibe darin. Wir wurden still, ohne dass wir einander dazu aufforderten. Wir hörten dem Regen und seinem immer stärker werdenden Klang zu.
Wie unsere Erde das brauchte. Die Tropfen prasselten auf den Boden, in die Beete und auf die verdorrte Wiese. Noch immer schwiegen wir. Abwechselnd schaute ich nach oben und sah, wie die Tropfen auf das Terrassendach fielen, und hinaus in die Weite. Ich blickte auf all das, was den Regen in sich aufnahm.
Ohne zu sprechen, nahmen wir alle diesen unvergleichlichen Duft wahr. Petrichor. Wir atmeten tief.
Piet war der Erste, der wieder sprach. „Gott sei Dank.“
Wir nickten dazu. Gerda, Lars, Hannes, Beate, Mel und ich. Ich weiß nicht, wer von uns an Gott glaubte oder diesem Gott dankte. Dennoch nickten wir alle.

Wortgewebe – 14

Saudade

Saudade kommt aus dem Portugiesischen. Es bedeutet ein tiefes Gefühl von Sehnsucht oder Nostalgie, oft für etwas oder jemanden, der oder die fehlt.

Ben war in der Stadt unterwegs. Er wollte schnell etwas einkaufen und ging mit großen Schritten. Das gute Wetter lockte viele Menschen hinaus. Manchmal musste er entgegenkommenden Gruppen ausweichen. Er hatte nicht viel Zeit. Gleich würde der Laden schließen. Seine Freunde würden in einer knappen Stunde bei ihm sein. Ihm blieb nicht viel Zeit, das versprochene Essen zuzubereiten.
Es wehte ihm entgegen. Mitten in der belebten Fußgängerzone. Für einen Moment blieb er stehen. Genau so hatte sie gerochen. Es war ihr Duft. Jahre war es her. Ein wenig Sandelholz, einen Hauch Bergamotte und ein wenig Orange. Er schloss die Augen. Der Geruch hatte sich verflüchtigt, doch er blieb in ihm.
Er vermisste sie. Doch nicht nur das. Er erinnerte sich an sie. Es war etwas dazwischen. Etwas Schweres und Schönes zugleich.
Er spürte die abendliche Sonne auf seinen geschlossenen Lidern und auf seiner Haut.
Wie ein Duft in Sekunden Bilder hervorruft. Er sah ihr Lachen vor sich, die Sprenkel in ihren grünen Augen, ihre Nase, die sie immer als zu groß bezeichnete und die vielen braunen kleinen Sommersprossen in ihrem Gesicht und auf ihren Schultern, ihre dunklen Locken.
Er kleidete seine Gefühle gerne in Worte. Das machte sie greifbarer. Doch in seiner Sprache gab es kein Wort dafür. In ihrer schon: Saudade.
Heute Abend würde er portugiesisch kochen.

4. Mai

„Mit der Hand durch einen Lavendelstrauch fahren und dann selber Lavendel an den Händen empfinden, das finde ich einfach genial, das ist ein sehr betörender Geruch.“

Lavendel Strauch