Findesatz und Wortspiel – 37

„Und jetzt: eintauchen in mein Buch.“

Den ganzen Tag freute er sich auf diesen Moment. Er hatte den Abendbrottisch aufgeräumt, sich einen Tee aufgebrüht und auf seinem Korbsessel Platz genommen. „Und jetzt: Eintauchen in mein Buch“, sagte er leise. Ein tiefes Einatmen und ein noch tieferes Ausatmen folgten.
Seine Kinder waren in ihren Zimmern beschäftigt. Manchmal hörte er ihr Lachen. Sie waren alt genug, sich selbst zu beschäftigen, und alt genug, länger als er wach zu sein. Seine Frau traf sich heute mit einer Freundin in ihrem Lieblingscafé. Vermutlich würde sie spät zurückkommen.
Sein Buch war ein Zufallsfund gewesen, mitgenommen aus einem dieser Bücherschränke, die es immer häufiger zu sehen gibt. Im Urlaub hatte er es in einem kleinen Ort entdeckt. Er mochte den Gedanken, dass die Bücher zu ihm fanden, die er noch lesen sollte. Oft dachte er, angesichts seines fortschreitenden Alters – immerhin ging er auf die 50 zu –, dass er nicht mehr all die Bücher würde lesen können, die er lesen wollte. Bücher, die er als Jugendlicher gemocht hatte und noch einmal lesen wollte, Klassiker, die er bisher vermieden hatte, Neuerscheinungen, die ihn interessierten, Werke seiner Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren. Und dann gab es diese Zufallsfunde. Wie Sternschnuppen, die unerwartet auftauchen.
Er schlug das Buch auf und spürte, wie sich eine Vorfreude ausbreitete. Und während die Sätze ihn umgaben, fühlte er sich aufgehoben, im Buch, im Moment, in sich selbst.

Findesatz und Wortspiel – 36

„Jetzt kann ich gemütlich Sein.“

Die Buntheit des Cafés lud ihn ein. Nicht nur seine Augen, auch sein Inneres nahm die Buntheit auf. Er genoss einen Kaffee mit ein wenig Milch. Liebevoll angerichtet von einer älteren Madame, deren Falten viel Schönheit trugen. Merci, sagte er. Der erste Schluck ist ihm immer der Wertvollste. Hätten die Kinder, die wenige Meter entfernt auf dem Marktplatz spielten, ihn beobachtet, hätten sie ihn lächeln sehen. Doch sie waren in ihr Tun vertieft, wie nur Kinder das können. Jetzt kann ich gemütlich Sein, dachte er. Ungeplantes war weit weg. Er wanderte von Ort zu Ort. Nur die jeweilige Etappe zählte. Pausen mitten im Wald oder in Cafés, die unerwartet auftauchten, wie nun. Das Café füllte sich innerhalb einer halben Stunde und er betrachtete die französischen Menschen. Er gab ihnen Namen. Camilla, Jean, Amélie, Antoine, Manon, Pierre. Die französischen Klänge, die seine Ohren streiften, trugen Charme. Leises Lachen zwischen den Stühlen. Die nachmittägliche Sonne schien mild. Mild, ein Wort das zu diesen Tagen passte. Die Landschaft, die Orte, die Menschen, selbst sein Inneres war geruhsam. Diese Milde hob er auf, nicht bewusst, es geschah von ganz allein.

Findesatz und Wortspiel – 35

„Heute ist heute.“

Der Moment, wenn sie zum ersten Mal im Jahr das Meer sieht, ist zum Festhalten schön. Dabei sagt alles am Meer ihr, dass es ums Loslassen geht. Wellen sprechen vom Kommen und Gehen. Der Wind lässt sich nicht einsperren. Der Sand ist sanft und wehend. Ihre Freude wird nicht weniger, auch mit dem Älterwerden nicht. Als Kind lief sie die letzten Meter die Dünen hinauf und rief beim Anblick der Weite und Schönheit: Hallo, Meer! Heute sagt sie es noch immer: Hallo, Meer! Sie breitet die Arme aus und atmet tief. Die Farben und die Luft legen sich um sie. Meer-Farben, nennt sie es. Das Meer färbt ab, auf alles, was es umgibt. Selbst ihre Haut leuchtet anders. Das Unwichtige verblasst, wie schafft das Meer das nur in Sekundenschnelle, fragt sie sich. Heute ist heute, scheint der Himmel zu sagen. Ihre Schuhe hat sie längst abgestreift und geht in die Dankbarkeit hinein.