Außerhalb der Reihe

Heute einmal außerhalb der Reihe. Gerne teile ich auch hier im Blog meinen Text, den ich gestern auf Facebook geteilt habt.

Es ist mal wieder so weit. Wenn ich von Sachen umgeben bin, die mich traurig bis wütend machen, ist es Zeit für mich, einen Text hier auf FB zu schreiben.
Lützerath, zur Zeit in unser aller Munde oder zumindest in vieler Munde. Lützerath, auch in den Medien sehr präsent.

Ich war häufig in Lützerath. Ich war bei Dorfspaziergängen, bei Demonstrationen, bei Gottesdiensten an der der Kante, bei Protesttagen. Ich war unabhängig von offiziellen Veranstaltungen mit meinem Mann und Freunden oder allein dort. Immer wieder konnten wir und konnte ich dabei mit den dort wohnenden Aktivistinnen und Aktivsten ins Gespräch kommen. Ich erlebte kluge, wunderbare Menschen, denen die Zukunft der Welt am Herzen liegt. Menschen, die über ihren Tellerrand hinaussehen. Offene Menschen, die sich einsetzen und die diesen Ort gewählt haben, um sich für das Einhalten der Klimaschutzziele einzusetzen. Menschen, die zeigen, wie ein friedliches Miteinander gelebt werden kann. Menschen, die Zusammenhänge sehen und die auch die Menschen im globalen Süden im Blick haben. Menschen, die sich ernsthaft mit den Themen der Welt auseinandersetzen. Menschen, die gute kreative Lösungsvorschläge haben und leben.

Heute sprach ich mit einer Frau, die 10 Tage am Stück in Lützerath war. Sie hat versucht, die dortige Eibenkapelle möglichst lange vor der Räumung zu bewahren. Heute hat sie mit Tränen in den Augen Lützerath wegen der Räumung verlassen. (Dass diese Räumung sehr wahrscheinlich vollkommen unnötig ist, darauf möchte ich nun gar nicht groß eingehen, das werden die nächsten Tage und Wochen oder Monate hoffentlich richtigstellen.) Die Frau erzählte, sie habe noch nie eine solche Gemeinschaft erlebt, es sei Liebe gewesen, die sie dort im Umgang miteinander erlebt habe. Nie werde sie diese 10 Tage vergessen. Sie habe nie ein böses Wort von einem der Aktivisten und Aktivistinnen gehört. Sie habe einen Umgang miteinander erlebt, den sie unserer Welt wünsche.

Dann lese ich die Nachrichten hier auf FB und was lese ich? In der ersten Zeile „Bei Sonnenaufgang fliegen in Lützerath die ersten Steine“. Ich verstehe es nicht. Warum titelt die Schlagzeile der Aachener Zeitung so? Wäre ich niemals in Lützerath gewesen, würde ich denken, dort leben gemeingefährliche Menschen. Es ist ein sehr verzerrtes Bild, das uns leider seit einigen Wochen über diverse Medien vermittelt wird. Ich weiß, dass Medien Schlagzeilen brauchen, die Leute neugierig machen. Doch diese Verzerrung finde ich sehr gefährlich und wird den vielen vielen friedlichen Aktivistinnen und Aktivisten nicht gerecht. Ja, wenn Steine fliegen, darf und muss auch darüber berichtet werden. Doch warum steht dies im Fokus, wenn es nicht der Fokus des Tages war. Ich bin gegen jede Form von Gewalt, das schreibe ich hier klar. Dieser Weg ist nicht sinnvoll und schadet der wichtigen und guten Klimaschutzbewegung. Wie verzerrt viele Medien zurzeit berichten, das schadet der wichtigen und guten Klimaschutzbewegung auch.

Ich lebe in einem Dorf. Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich bin umgeben von liebvollen und warmherzigen Menschen. Mit Sicherheit leben in einem Dorf auch vereinzelt Menschen, die aggressiv sind oder sagen wir mal in eine Schlägerei verwickelt waren. Deshalb möchte ich nicht, dass mein Dorf als Ort bezeichnet wird, in dem Aggression herrscht. Erst recht will ich das nicht in der ersten Schlagzeile finden, wenn über meinen Ort berichtet würde. Andere Menschen könnten Angst bekommen, den Ort zu besuchen und ein vollkommen falsches Bild von meinem Ort erhalten.

Ziviler Ungehorsam, ja, das gibt es und es ist gut, dass es ihn gibt. Ziviler Ungehorsam hat mit Gewalt nichts zu tun und eine Demokratie lebt auch von Formen des zivilen Ungehorsams, das muss sie aushalten und bisweilen hat ziviler Ungehorsam gute Dinge bewirkt. Es muss verschiedene Protestformen geben, bunt, kreativ, laut, leise, friedlich. Dies habe ich all die Monate in Lützerath erlebt. Bitte, all ihr Menschen, die ihr nie in Lützerath wart, lasst euch nicht ein falsches Bild vermitteln.

Und bitte lasst uns nicht vergessen, was hinter all dem steht. Warum ist Lützerath in unser aller Munde? Was ist das eigentliche Thema? Es geht darum, dass wir die Pariser Klimaziele einhalten müssen, zu denen Deutschland sich gesetzlich verpflichtet hat.
Ich befürchte, der nächste Dürresommer kommt, das nächste Hochwasser und die nächsten Stürme. Ich glaube, eines Tages werden wir sagen, hätten wir doch gehört, wovor uns die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnten. Hätten wir doch gehört, worauf die Aktivistinnen und Aktivisten uns immer wieder hingewiesen haben. Hätten wir doch…

Ich wünsche mir, wir werden alle ein wenig mehr wach.
Ich wünsche mir, die Medien berichten weniger verzerrt. Ich wünsche mir, die Medien berichten mehr von dem Thema, um das es geht. Wie können wir eine lebenswerte Zukunft schaffen? Denn sie ist wunderbar, unsere Erde. Ich hoffe, wir sind nicht zu müde, das zu erkennen.

21 Gedanken zu „Außerhalb der Reihe

  1. Liebe Marion, wenn man sich ein globales Problem zu eigen macht, kann man nicht anders, als nach den eigenen Eindrücken handeln. Ich sage jetzt mal etwas provokant die Wüstung Lützerath wurde von ihren Bewohnern soweit ich das weiß, bereits verlassen. Welche Deals dabei gelaufen sind, weiß ich nicht. Was den Bedarf der Braunkohle um Lützerath herum betrifft, findet man an vielen Stellen aussagekräftige Informationen. Dass wir im Moment noch Kohle Öl und Gas brauchen ist unstrittig, auch wenn das nicht schön ist. Dass es dazu keine Alternative gibt, glaube ich. Keinesfalls hat der Krieg in der Ukraine geholfen. Durch diesen haben wir aber gesehen, wie fragil unser Wohlbefinden ist. Ich glaube dir sehr gerne, dass die Menschen, die in Lützerath zur Zeit ausharren liebenswerte Menschen sind und dass sie das Beste für die Welt und deren Zukunft wollen. Bisher habe ich aber noch kein auch nur annähernd plausibles Konzept gesehen, das einen Ausweg zeigt. Denn das größte und auch unlösbare Problem, das wir auf der Erde haben ist die Überbevölkerung. Das zweit größte Problem das wir haben, sind verantwortungslose Führer großer und kleiner Nationen. Ja, jeder kann und sollte für sich verantwortungsvoll und nachhaltig handeln, mehr kann man nicht machen. Politiker sind oft nicht in der Lage dazu, wenn sie wirklich das Beste für das Land erreichen wollen. Klar gibt es bei der Definition des „Besten“ gewaltigen Spielraum. Ich möchte nicht regieren müssen.

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    • Danke fürs Lesen und Gedanken teilen. Zu deinen Gedanken mit der „Wüstung Lützeraths“, vor ein paar Minuten las ich von der Organisation „Alle Dörfer bleiben“: „Wir sollen euch von Anwohner*innen der umliegenden Dörfer ausrichten, dass wir euch extrem dankbar für eure Unterstützung sind. Seit Jahrzehnten kämpfen wir alleine gegen die Machenschaften von RWE & Landesregierung. Es tut gut zu sehen, wie viele Aktivist*innen hinter uns stehen. Das gibt uns Mut, Kraft und Hoffnung diesen Kampf weiter zu führen. DANKE“.
      unter anderem besagt das DIW Gutachten, dass wir die Kohle unter Lützerath definitiv nicht benötigen. Leider wird oft Angst geschürt. Die Forderung nach einem Moratorium finde ich sehr sinnvoll. Dann könnten alle Fakten begutachtet und abschließend bewertet werden.
      Ein sehr informatives Webinar habe ich diese Woche gehört und teile den Link gerne hier. Das kann ich sehr empfehlen, ich habe viel Neues erfahren, das sehr gut anschaulich erklärt wird. Eine lohnenswerte Stunde:

      http://www.youtube.com/watch?v=dvijeKDgiPw&ab_channel=FridaysforFutureDE

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      • Danke dir, das werde ich gerne anschauen. Wie gesagt, ich habe mich über die Argumente beider Seiten informiert und glaube, dass das nur ein Scheingefecht ist. Es ist nicht Lützerath was die Achse kippen lässt, es ist so sehr viel mehr. Ich stand einmal mit einem Dienstfahrzeug und Gästen aus Vietnam in einem Dorf bei Gartzweiler, als ich eigentlich nach Köln fahren wollte und falsch abgebogen bin. Das war sehr spooky und die Vietnamesen haben richtig Angst bekommen. Es geht doch nicht wirklich um das Dorf, oder? Wer da noch wohnen würde hätte eine ziemlich ungastliche Nachbarschaft. Ich habe es so verstanden, dass das Ende der Kohleverstromung erheblich vorgezogen wurde und u.A. Lützerath das Bauernopfer dafür war. Mehr werde ich vermutlich wissen, wenn ich das Video angeschaut habe, was ich sicher machen werde, nochmals danke dafür.

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        • Schön, dass du dir Die Zeit nimmst und es anschaust!
          Ja, dort vor dem riesigen Loch zu stehen ist ziemlich spooky und heftig. Eine Freundin schrieb, sie habe in dieses große Loch hineingeschrieen, doch es verschlucke alles. Das beschreibt es passend.
          Es geht um die 280 Millionen Tonnen Kohle, die unter Lützerath sind und im Boden bleiben müssen. Jeder Punkt führt näher zu den Kipppunkten und Kohle bleibt der dreckigste „Klimakiller“. Bei den getroffenen Entscheidungen ging es um wirtschaftliche Gewinne von RWE. Das vorgezogene Ende der Braunkohle war schon zuvor beschlossen. Lützerath nicht zu erhalten hat rein wirtschaftliche Interessen, es geht nicht um die Energieversorgung vor Ort. Ein Moratorium könnte dies alles klären.
          Vieles ist traurig, doch die erlebte Gemeinschaft in Lützrath bzw. Umgebung (jetzt kommen wir ja nicht mehr rein) gerade ist stärkend und tut gut.

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  2. Diese Art der Berichterstattung („Am Morgen flogen die ersten Steine“) ist ein gängiges Muster, liebe Marion. Immer und überall wird so versucht, den Kern des Problems zu verschleiern, um das es geht und das man nicht anschauen soll. In diesem Fall kommt hinzu, dass wir eine Regierung der „Grünen Politik“ haben, die nach wenigen Monaten Regierungszeit bereits so ziemlich alle bisher als „grün“ bezeichneten politischen Entscheidungen zurückgenommen hat. Warum? Weil man einer Kriegs-Agenda folgt. Alles, was gegenwärtig geschieht, ist dieser untergeordnet. Die Kriegs-Propaganda, die jedem „grünen“ Politikverständnis Hohn spricht, läuft auf allen Kanälen. Und da kommen so ein paar „Narren“ daher und wollen die ursprüngliche Agenda („Pariser Klimavertrag). der faktisch längst aufgekündigt wurde, am Leben erhalten! Draufschlagen! Weg mit ihnen!

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    • Ja, leider wird versucht, den Kern des Problems zu verschleiern, da stimme ich dir zu. Dass die Grünen anders handeln als von vielen Wählerinnen und Wählern erhofft, ist tieftraurig. Bei jungen und alten Menschen ist die große Enttäuschung hör- und spürbar. Warum scheinen wir zu vergessen, dass das Pariser Klimaabkommen auch eine gesetzliche Verpflichtung ist. Eine moralische ist es ohnehin.

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