Dieses Jahr findet ihr hier zwei Kategorien.
Kategorie 1 – Wortgewebe: Wöchentlich stelle ich ein Wort aus einem anderen Land vor und verwebe es in einen kurzen Text, ergänzt durch ein passendes Foto.
Kategorie 2 – Lächelspuren: Ebenfalls wöchentlich hinterlasse ich lachende Gesichter aus Naturmaterialien oder Kreide im öffentlichen Raum, und halte es mit einem Foto fest.
Zudem werde ich wie jedes Jahr über die Leipziger und Frankfurter Buchmesse berichten.
Qarrtsiluni ist ein Begriff aus dem Inuit. Er beschreibt einen Zustand tiefer Stille, in dem Menschen gemeinsam ruhig sitzen und darauf warten, dass etwas entsteht oder aufbricht. Sinngemäss wird es etwa so übersetzt: „gemeinsamem stilles Warten“.
Qarrtsiluni
Mit euch ruhig werden Der Atem weht langsamer Warten ohne Anspannung Stille ist ein grünes Feld weit genug für das Kommende
Das Wort Glimpse kommt aus dem Englischen und bedeutet ein sehr kurzer, oft zufälliger Blick auf etwas, das man nur für einen Moment sieht.
Glimpse Im Vorbeigehen entdecken Oh rufen oder Ah denken Das Unerwartete ist schön wie das Leben selbst Auch dann wenn wir meinen über allem liege ein Schleier Verstecktes wartet überall
Meraki kommt aus dem Griechischen und bedeutet etwas mit Seele, Liebe und Hingabe tun.
Beinahe wären sie daran vorbeigelaufen. Doch da sie gerne rechts und links schaut, entdeckte sie das Café. Weiß lag es in der Frühlingssonne. Die Fenster waren geöffnet, sanfter Kaffeeduft strömte hinaus. „Ich glaube, hier sollten wir reingehen. Was meinst du?“ Er musste sich nicht überreden lassen. Auf den Holztischen standen Blumen, an den Wänden hingen Regale mit Büchern und zauberhaftem Krimskrams. Bilder in warmen Tönen schmückten den Raum, bunte Kissen lagen auf den Stühlen. Sie wusste, hier waren sie richtig. Nachdem sie diese Speisekarte gelesen hatten, bestellten sie einen Latte Macchiato, einen Cappuccino und zwei Frühstücksbowls. Ihre Handys blieben aus. Es gab immer Geschichten in ihnen. Als die Bedienung die Bestellung brachte, leuchteten ihre Augen. Es schmeckte mehr als gut. Immer wieder kam ein genüssliches „Mmmh“ über ihre Lippen. „Ich glaube“, sagte sie, „das schmeckt so unglaublich gut, weil da in der Küche jemand etwas mit Seele tut. Mit Liebe und Hingabe.“ „Meraki“, sagte er. Was für ein schönes Wort, dachte sie. Sie nahm sich vor, es mit nach draußen und in ihren Alltag zu nehmen. Doch noch waren sie hier. Genau richtig.
Kommt aus dem Italienischen und heißt wörtlich übersetzt: „Das süße Nichtstun“. Sinngemäß bedeutet es: das Leben bewusst zu genießen und die kleinen, ruhigen Momente wertzuschätzen.
Das Café ist nur spärlich besucht. Die Kaffeetassen tragen Schönheit. Wie der Moment. Leise tönt Musik aus den Lautsprechern. Nichts muss, denkt sie, während sie den ersten Schluck Kaffee nimmt. Draußen zieht ein sanfter Winterhimmel über die Dächer. Hier drinnen ist es angenehm warm, ihre Schals haben sie abgelegt. Ab und zu öffnet sich die Türe und Menschen treten ein, bringen ein wenig Kälte und Gespräche mit, manchmal ein Lachen. Menschen gehen wieder hinaus. Die Welt bewegt sich weiter. Natürlich macht sie das. Doch sie folgen ihr nicht. Heute nicht. Sie sitzen dazwischen, losgelöst von messbarer Zeit oder Verpflichtungen. Tassen klirren leise. Dolce far niente nennen die Italiener das. Das süße Nichtstun. Eine Süße, die nicht klebt. Ihre Gedanken wandern nicht, sie ruhen. Es ist wie ein leises Ankommen. Momente, die rein gar nichts verlangen. Momente, die tragen.
Dieses Wort kommt aus dem italienischen. Es bedeutet Anfang oder Beginn.
Ein neues Notizbuch aufschlagen und mit der Hand über die weiße Seite streichen. Sie mag die Anfänge. Nicht zu wissen, was dort einst stehen wird. Wie ein leichtes Kribbeln. Ein Versprechen. Eine Zukunftslust. Das Gefühl, neu zu beginnen. Natürlich weiß sie darum, dass sie nie ganz neu beginnt. Dass sie alles mitträgt, was sie zu der macht, die sie heute ist. Doch es gibt sie, die vielen kleinen Anfänge. Hesse hatte recht, als er schrieb, darin liege ein Zauber. Inizio, sagen die Menschen in Italien. Wenn sie das leise spricht, fühlt sie die verheißungsvolle Spannung. Sie blickt aus dem Fenster. Das neue Jahr liegt vor ihr. Es ist ein stiller Beginn. Schnee macht die Welt leiser. Sie freut sich auf die Wege, die vor ihr liegen. Den Zauber des Neubeginns nimmt sie mit hinaus, als sie später Spuren in den Schnee setzt. Die Luft ist klar und frisch und irgendwo zwischen Atem und Schritt beginnt bereits das Neue.