Wortgewebe – 10

L’esprit de l’escalier

Das Wort kommt aus dem Französischen und meint: Wenn dir die perfekte Antwort erst einfällt, nachdem du schon gegangen bist.

Zu sechs hatten sie um den runden Tisch im Café gesessen. Teekannen auf dem Holztisch, bunte Tassen, Karaffen mit Holundersaft, Gläser, eine Schale mit Oliven und eine mit Nüssen.
Sie weiß nicht, ob es den anderen aufgefallen war, doch sie war diejenige, die eine weiße Tasse nahm. Nicht, weil sie die wählte. Sondern weil die blaue, grüne, rote, gelbe, türkise schon von den anderen genommen worden waren. Sie kannte das an sich. Eine Sekunde später als die anderen sein. Abwarten. Nicht vordrängeln. Nein, das war nicht schlimm. Doch manchmal wünschte sie, sie wäre diejenige mit der roten Tasse.
Sie hatte nicht die Redeanteile gemessen, keine Stoppuhr lief mit. Und doch sagte etwas in ihr, sie habe am wenigsten geredet. Sie war die, die zuhörte. Die den anderen zunickte. Vielleicht weil sie die jüngste von vier Geschwistern war. Es kam ihr vor, als seien immer schon Gespräche dagewesen, lange vor ihr. Als hätte sie den Platz der Zuhörerin einnehmen müssen, da dieser auf sie wartete.
Andere mochten sie deswegen. „Du hörst so gut zu“, sagten sie ihr häufig. Manchmal wünschte sie, dass sie einen Abend lang auf einer Bühne stehen und erzählen würde. Ohne Punkt und Komma. Mit ausladenden Gesten. Im Inneren wusste sie darum, dass vermutlich ein Gefühl des Unwohlseins an ihren Beinen hochkriechen würde, stünde sie auf einer Bühne.
Während sie sich verabschiedeten, umarmten und sagten, wie schön das Treffen gewesen sei, kam Bel zu ihr. Bel war die lauteste von allen. Bel küsste sie auf ihre Wange, hielt sie in der Umarmung kurz fest und sagte: „Manchmal frage ich mich, was du eigentlich alles nicht sagst.“ Sie lachte dabei.
Danach waren sie auseinander gegangen, einander noch einmal zuwinkend. Sie blickte den anderen nach. Sie schloss ihr Rad noch nicht auf, ihr Blick lag auf Bel, deren Rock auf- und abwippte.
Hatte sie „Ach“ gesagt oder gar nichts. Sie wusste es nicht mehr.
Während sie ihr Rad aufschloss, fiel ihr die Antwort ein. Wie so oft erst, als alles vorbei war. L’esprit de l’escalier, nennen die Franzosen es: Wenn dir die Antwort erst einfällt, nachdem du schon gegangen bist. Nachdem die anderen schon weg sind. Nachdem Bel nicht mehr zu sehen war.
Sie dachte an die weiße Tasse auf dem Tisch. Wie sie auf dem Tisch übrig geblieben war, als die anderen schon bewusst oder unbewusst ihre Farben gewählt hatten.
„Ich sage nicht nichts“, dachte sie. „Weiß ist keine leere Farbe. Es ist die, in der noch alles möglich ist.“
Sie schloss ihr Rad auf, fuhr nach Hause und die letzten Meter vor ihrem Zuhause fuhr sie freihändig.

Neues Jahresprojekt 2026

Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen.
Von Herzen wünsche ich euch allen ein wunderbares neues Jahr! Seid gut zu euch und zueinander, packt Zuversicht und Mut ein und streut etwas Zauber an das, was ihr macht und was euch umgibt.

Gerne stelle ich euch nun mein Blog-Jahresprojekt 2026 vor, das aus zwei Kategorien besteht:

Kategorie 1 – Wortgewebe
Einmal wöchentlich teile ich ein Wort aus einem anderen Land, das eine besondere Bedeutung trägt und mich und hoffentlich auch euch anspricht. Dieses Wort webe ich in ein Gedicht oder eine kurze Geschichte ein und versehe den Text mit einem passenden Foto.

Kategorie 2 – Lächelspuren
Ebenfalls einmal wöchentlich gestalte ich im öffentlichen Raum ein lachendes Gesicht -gelegt aus Materialien wie Blättern, Zweigen, Steinen oder mit Kreide gemalt. Ich hoffe, dass diese lachenden Gesichter gesehen werden, eine kleine Freude bereiten und für ein wenig mehr gute Laune in dieser Welt sorgen. Diese Gesichter fotografiere ich und werde ich hier im Blog teilen.

Ich freue mich sehr auf dieses neue Jahresprojekt und bin dankbar, euch weiterhin als Leserinnen und Leser an meiner Seite zu haben.

Herzliche Neujahrsgrüße
eure Marion

Rückblick Jahresprojekt


Das Jahr ist nur noch wenige Stunden alt, und damit schließt mein diesjähriges Jahresprojekt.
Dieses Jahr gab es hier zwei Kategorien, auf die ich gerne zurückblicke.

Kategorie 1 war „Findesatz und Wortspiel“. Es hat viel Freude gemacht, erneut Sätze zu sammeln, die ich in meiner Umgebung hörte und sie dann in ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte einzubinden. Ich finde immer wieder, dass es sehr viele Satz-Schätze gibt, die wir im Alltag hören, egal ob auf der Straße, am Küchentisch, in einem Café oder im Zug. Die Sätze in einen Text einzuweben, war eine einladende Motivation für mich, regelmäßig Gedichte oder Geschichten zu schreiben.

In der Kategorie 2 „Verstecktes Wort“ habe ich Wörter – immer mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets beginnend – aufgeschrieben und an öffentlichen Orten platziert, in der Hoffnung, dass sie gefunden werden. Manchmal bekam ich mit – nachdem ich sie versteckte, weiterging und mich noch einmal umdrehte -, dass sie gefunden wurden. Das waren schöne Momente. Es sind Bilder, die ich innerlich aufgehoben habe, z.B. wie ein Mann das Röllchen fand, öffnete und seine Freunde rief, die dann alle über das Wort gebeugt standen. Oder eine Frau, die das Röllchen fand und sich lachend umdrehte. Ein Kind, dass sichtlich erfreut das Röllchen entdeckte, und wie seine Eltern mit ihm den Zettel lasen.
Manches Mal sah ich, wie Menschen vorbei gingen, ohne das Röllchen zu bemerken. Bestimmt übersehe auch ich vieles, was im Alltag vor unseren Augen liegt.
Einige Male kam ich an den Ort zurück, an den ich das Wort versteckte und sah, dass es nicht mehr dort war. Spannend, welche Reise auch immer die Worte gegangen sind.
Und dann gab es die Finderinnen und Finder, die sich zurückmeldeten. Manche schrieben, an welcher Stelle sie das Wort in ihrer Wohnung platzierten oder dass das Wort genau zur richtigen Zeit kam. Ihr ahnt es, meine Freude darüber ist groß.

Ich erlebe den Blog immer noch als einen Ort, an dem ich gerne kreativ bin. Es ist schön, euch lesend dabei zu wissen.
Von Herzen danke ich euch allen, die ihr hier mitlest, Gedanken und Antworten in den Kommentaren teilt, meinen Beiträgen ein „Like“ schenkt oder still dabei seid. Ein Blog lebt auch von den Menschen, die ihn mitlesen. Insofern gäbe es ohne euch diesen Blog sicherlich nicht mehr in dieser Form.
Und dir, lieber J., an dieser Stelle auch ein Danke, denn manches Mal musstest du warten, wenn wir irgendwo gemeinsam unterwegs waren, bis ich einen passenden Ort fand, das Wort versteckte und ein Foto machte. Deine Geduld in diesen Momenten ist ein Geschenk, das ich sehr schätze.

Dieses Jahresprojekt geht also nun zu Ende. Doch der Weg geht weiter. Im kommenden Jahr beginne ich mit einem neuen Jahresprojekt. Wie… das erzähle ich euch morgen.

Habt einen guten Silvesterabend, egal ob ruhig oder turbulent, am besten so wie ihr mögt, kommt gut ins neue Jahr und packen wir alle eine gute Ladung Zuversicht und Gestaltungslust ein.

Liebe Grüße
eure Marion

28. Oktober – Findesatz-Gedicht

Ich finde das Wort reizvoll reizvoll
Unglaublichkeiten finde ich unglaublich
Das Wort fröhlich finde ich fröhlich

Ist der Langeweile langweilig?
Kann ein dunkles Geheimnis leuchten?
Ist die kalte Schulter manchmal warm?

Was macht die Stille wenn sie laut sein möchte?
Was geschieht wenn die Buntheit ihre Farben sucht?
Was macht das Runde mit dem Eckigen?

11. August – Findesatz-Gedicht

Weiß der Wind was wir denken?

Sollen wir mehr reden?

Oder sollen wir mehr schweigen?

Ist alles längst gedacht?

Gibt es eine Schreibverschwendung?

Wo kommen die frischen Gedanken her?

Können Wörter träumen?

Sind Buchstaben wild?

Ist das L leichter als das K?