Wortgewebe – 7

Mono no aware

Dieser Ausdruck kommt aus dem Japanischen. Er beschreibt das bewusste, gefühlvolle Wahrnehmen der Vergänglichkeit des Lebens.

Der Wind weht in sein Gesicht und malt seine Wangen rot. Er mag den Winter und das Leben auf der Insel. Es ist, als erinnere diese Jahreszeit, dass die Welt Ruhe braucht. Innehalten, wie die Pflanzen, die in der schneebedeckten Erde ruhen. Das Grün wohnt darunter. Es ist tröstlich, darum zu wissen. Hoffnungsvoll.
Seine Schritte tragen ihn zum Leuchtturm. Wie könnte ein solches Gebäude nicht der Seele guttun? Seit einigen Tagen ist das Meer zugefroren. Das erleben sie selten auf der Insel, zuletzt vor fünfzehn Jahren. Das Meer sieht aus wie ein weites weißes Feld. Kaum vorstellbar, dass im Sommer hier blaues Wasser glitzert und Sand im Licht schimmert. Am Leuchtturm angekommen, bleibt er stehen und schaut. Ein paar Minuten lang nichts tun außer schauen.
Von der Meerseite her ist der Turm mit dickem Eis bedeckt. Was für ein Schauspiel der Natur. Es wird vielleicht noch eine Woche bleiben, dann soll Tauwetter kommen. Der unsagbar schöne Eisschnee wird sich verabschieden. Er wird verschwinden, täglich mehr. Mono no aware, denkt er. So nennen die Menschen in Japan das Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Vielleicht macht gerade das es so schön. Schönheit liegt nicht darin, festzuhalten. Sie liegt darin, den Augenblick zu erkennen, bevor er vergeht.

Findesatz und Wortspiel – 35

„Heute ist heute.“

Der Moment, wenn sie zum ersten Mal im Jahr das Meer sieht, ist zum Festhalten schön. Dabei sagt alles am Meer ihr, dass es ums Loslassen geht. Wellen sprechen vom Kommen und Gehen. Der Wind lässt sich nicht einsperren. Der Sand ist sanft und wehend. Ihre Freude wird nicht weniger, auch mit dem Älterwerden nicht. Als Kind lief sie die letzten Meter die Dünen hinauf und rief beim Anblick der Weite und Schönheit: Hallo, Meer! Heute sagt sie es noch immer: Hallo, Meer! Sie breitet die Arme aus und atmet tief. Die Farben und die Luft legen sich um sie. Meer-Farben, nennt sie es. Das Meer färbt ab, auf alles, was es umgibt. Selbst ihre Haut leuchtet anders. Das Unwichtige verblasst, wie schafft das Meer das nur in Sekundenschnelle, fragt sie sich. Heute ist heute, scheint der Himmel zu sagen. Ihre Schuhe hat sie längst abgestreift und geht in die Dankbarkeit hinein.