Wortgewebe – 20

Boketto

Boketto ist Japanisch. Das Wort beschreibt einen Zustand, in dem jemand gedankenlos in die Ferne schaut, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.

Milder Wind umfing ihn. Er fühlte sich leicht. Das schaffte das Meer. Jedes Mal ging es ihm so. Er würde sich niemals sattsehen können an den Wellen, den Dünen und dem Spiel des Lichts. Er ging die Seebrücke entlang. Blieb stehen und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Gedankenlos, einfach nur existierend. Was sonst in seinem Kopf umherwanderte, verschwand. Als löse es sich auf.
Boketto nennen die Menschen in Japan diesen Zustand. Er kannte den Begriff, da er dieses Land liebte und die Sprache gelernt hatte. Doch hier dachte er nicht an Worte. Hier blickte er einfach und war.
Es tat ihm gut, keinen Fokus zu haben, kein Ziel, keine Absicht.
Später saß er bei einem warmen Sanddornsaft in einem Café.
Die Gedanken waren zurückgekehrt. Doch es wirkte nach, dieses heilsame Schauen vorhin auf der Brücke.

Wortgewebe – 7

Mono no aware

Dieser Ausdruck kommt aus dem Japanischen. Er beschreibt das bewusste, gefühlvolle Wahrnehmen der Vergänglichkeit des Lebens.

Der Wind weht in sein Gesicht und malt seine Wangen rot. Er mag den Winter und das Leben auf der Insel. Es ist, als erinnere diese Jahreszeit, dass die Welt Ruhe braucht. Innehalten, wie die Pflanzen, die in der schneebedeckten Erde ruhen. Das Grün wohnt darunter. Es ist tröstlich, darum zu wissen. Hoffnungsvoll.
Seine Schritte tragen ihn zum Leuchtturm. Wie könnte ein solches Gebäude nicht der Seele guttun? Seit einigen Tagen ist das Meer zugefroren. Das erleben sie selten auf der Insel, zuletzt vor fünfzehn Jahren. Das Meer sieht aus wie ein weites weißes Feld. Kaum vorstellbar, dass im Sommer hier blaues Wasser glitzert und Sand im Licht schimmert. Am Leuchtturm angekommen, bleibt er stehen und schaut. Ein paar Minuten lang nichts tun außer schauen.
Von der Meerseite her ist der Turm mit dickem Eis bedeckt. Was für ein Schauspiel der Natur. Es wird vielleicht noch eine Woche bleiben, dann soll Tauwetter kommen. Der unsagbar schöne Eisschnee wird sich verabschieden. Er wird verschwinden, täglich mehr. Mono no aware, denkt er. So nennen die Menschen in Japan das Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Vielleicht macht gerade das es so schön. Schönheit liegt nicht darin, festzuhalten. Sie liegt darin, den Augenblick zu erkennen, bevor er vergeht.