Findesatz und Wortspiel – 33

„Am Morgen hat man die Welt ein bisschen für sich.“

Die Zeiten, in denen er morgens länger schlafen konnte, sind längst vorbei. Doch das macht ihm nichts, gar nichts. Er mag das frühe Aufstehen. Am Morgen hat man die Welt ein bisschen für sich. Er mag es, wenn er den Berg hinaufgeht, den er seinen Berg nennt. Selten ist um diese Uhrzeit jemand unterwegs. Nur die Tiere. Die zeigen sich am Morgen vermehrt. Er ist durchaus gerne in Gesellschaft. Ein Leben ohne Gegenüber, ohne Gespräche, ohne aneinander wachsen sehnt er nicht herbei. Doch er mag die Stunden für sich. Dann ist es, als ordnet sich etwas in ihm, das zuvor lose durcheinander lag, wie achtlos abgestreifte Kleidung. Die Morgenstunden in der Natur räumen ihn auf. Wenn er nach einer Stunde bereit ist, bergab zu gehen, fühlt er sich, als habe er sein Inneres poliert. Er atmet tief ein, atmet aus. Bereit für den Tag. Oft hört man ihn summen, bevor er die Haustüre aufschließt.

Findesatz und Wortspiel – 32

„Anna, denk an die Lutscher morgen!“

Es war während er auf der Bank saß. Zuvor war er durch den Ort gegangen. Er hatte ein paar Tage frei und ließ sich treiben. Ein Museumsbesuch, ein Eis am Nachmittag, ein Spaziergang, ein Espresso in einem Café. Nun saß er und sah dem beginnenden Abend zu. Zwei Kinder liefen vorbei. „Anna, denk an die Lutscher morgen!“ Das war der Moment, der ihn innehalten ließ. Es gibt sie, die zugeworfenen, flüchtigen Sätze, die ins Innere wandern und etwas berühren. Die beiden Kinder waren schon wieder aus seinem Blickfeld verschwunden. Welche Schönheit und Unbeschwertheit in diesem Ruf liegt, dachte er. Als gäbe es nichts Wichtigeres als an Lutscher zu denken. Manchmal ist genau das das Wichtigste. Das Zuversichtlichste was geschehen kann. Mehr Vorfreude geht nicht. Der Satz erschien ihm wie ein Fenster, das weit geöffnet wird. Ein Fenster, das nach Lust ruft. Nach der selbstverständlichen Gewissheit eines Morgen. Er lächelte. Er lächelte dem Satz nach, der sich wie eine Decke um ihn legte.

Findesatz und Wortspiel – 30

„Den Gedanken Frieden hinaustragen.“

Friedensräume hieß das Museum, das sie betrat und etwas in ihr auslöste. Wir sind immer Andere beim Hinausgehen als beim Eintreten. Sie las die Worte einer geflüchteten Frau. Wenig später tönten an anderer Stelle aus einem Lautsprecher Stimmen, flüsternde, tuschelnde Laute. Sie fühlte, wie es ist, eine Außenseiterin zu sein. Nicht innen zu stehen. Abseits aufgrund der Hautfarbe, der Sprache, der Herkunft. Sie dachte an Kinder, die beschimpft werden, mitten auf Schulhöfen. Noch später nahmen ihre Ohren Imagine auf, gesungen in vielen Sprachen. Wer ist Freund, wer Feind? Kann sie den Nächsten lieben wie sich selbst? Setzt sie sich mit ihren Vorurteilen auseinander? Denkt sie von sich selbst, sie sei ein guter Mensch? Viele Fragen, deren Antworten gewebt werden. Beim Hinausgehen gab die im Museum tätige Frau Worte mit: Den Gedanken Frieden hinaustragen. Später setzte sie sich auf eine Bank. Sie blickte auf den See, der im Abendlicht glitzerte. Sie fand es unerträglich absurd, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Ich lebe auf der Sonnenseite, sagte sie. Ohne dass ich etwas dafür tun musste. Grund genug, etwas zu tun.

Findesatz und Wortspiel – 29

„Ah, die Luft hier!“

Seine Füße tragen ihn. Was er am Gehen mag, ist, dass seine Gedanken mühelos mitwandern. Als fließen sie leicht mit der Landschaft dahin. Die unbeantworteten Fragen in seinem Leben kann er in solchen Stunden annehmen. Er lässt die Fragezeichen zu. Eine Katze kommt ihm entgegen. Na, du, sagt er. Sie bleibt stehen und hält ihre Nase nach oben. Du genießt das auch, fragt er lächelnd. Er atmet tief ein. Ah, die Luft hier! Ein Geschenk pur, was. Es wirkt, als nicke die Katze. Vielleicht ist es wirklich so, dass auch die Katzen, Hummeln und Käfer diese Wohltat spüren, denkt er. Lass uns die Welt etwas schöner schnurren, sagt er zu der Katze, Ungutes gibt es genug. Wir sollten mehr lassen, einfach sein. Weniger im Plan leben. Die Katze ändert ihre Richtung und läuft weiter. Er blickt ihr nach. Während sie kleiner wird, erinnert er sich daran, dass er vor ein paar Tagen in einem Kloster war. Als gläubigen Menschen würde er sich nicht bezeichnen, doch er liebt die Atmosphäre in alten Klöstern. Er setzte sich in einen Raum der Stille. Kerzen gingen an, zunehmend mehr, begleitet von einem sanften klirrenden Klang. Sie brannten nicht wirklich, sie waren elektronisch gesteuert. Sie gingen an, wurden weniger, um dann wieder mehr zu werden. Nie ging das Licht ganz aus. Wenigstens drei Kerzen blieben an. Das berührte ihn tief, er spürt das Gefühl nun noch.  Er fand, darin lag ein ganzes Leben. Ihm ist, als gehöre all das zusammen, die Kerzen im Kloster, die Luft hier, die Berge, die sich ihm zeigen, diese Katze. Als sei alles am richtigen Platz. Auch er.